Monthly Archives: Oktober 2018

Ein Brief von Therese Wassermann in Dresden (1)

Am 6. Dezember 1938 schrieb Therese Wassermann aus Dresden einen Brief an ihren bereits nach Amsterdam emigrierten Sohn Willy. Der Brief der 77-jährigen und als Jüdin verfolgten Witwe wurde von der Polizei gelesen und beschlagnahmt. Gegen Wassermann, die erst Anfang Oktober 1938 von Bautzen nach Dresden umgezogen war, wurden Ermittlungen eingeleitet.

Bezug zu den Pogromereignissen in Bautzen

In dem Brief hatte Wassermann unter anderem über die Pogromereignisse in Bautzen geschrieben, von denen sie erfahren hatte. Sie nutze dabei zahlreiche Abkürzungen:

„[D]aß die paar Bautz[ner] J[uden] durch die Stadt , eine Plakette umgeh. mit ‚J[ude]‘ durchziehen mußten, voran Frau Sussm[ann] mit einer Klingel, schrieb ich Euch wohl.* Hs.** waren gerade im Begr[iff] nach Bunzlau zu fahren, hat man das Auto demol[iert], ihn festgen[ommen] & sie so zur Fahrt angezogen, die Tasche mit Furage an der Hand in die Reihe gestellt*** & gestern stand hier in der Zeit.[ung], daß die Hartpappenfabr[ik] Neudorf (Altmann) ganz & gar morgens um 4 Kurzschl[uss] abgebrannt sei & ich glaube der Dr. Ing. [Altmann] & seine 2 Neffen, die Söhne von Frau Ehrl.****, sitzen noch – die, die zurückkommen sind kahl geschoren & der Bärte entledigt“ [HStA Dresden, 11027 Sondergericht Freiberg, Nr. 3 Js/SG 177/39).

* habe sie von ehemaliger Stütze Hedwig Richter, in Bautzen whft. Reichenstr. 15, Polin, und anderen Bautzner Juden gehört

** Hamburgers; Bautzen, Wallstr. 8, Sohn von Pollack habe Grete Hamburger geheiratet, nun New York; Scheiben des Autos seien eingeschlagen worden

*** habe so Umzug mitmachen müssen, was andere Juden und die Richter erzählt hätten

**** Ehrlich, Bautzen

Der Brief bildet eines der seltenen überlieferten persönlichen Zeitdokumente der Verfolgten und liefert zugleich wertvolle Hinweise zu den Bautzner Pogromereignissen und den dabei gedemütigten wie misshandelten als Juden verfolgten Menschen.

Kahl geschoren

Therese Wassermann gibt in ihrem Schreiben auch Kenntnis davon, wie sie verfolgte Männer erlebte, die aus den Konzentrationslagern zurückkehrten – nämlich kahl geschoren und damit in den städtischen Gesellschaften auch Wochen nach den Pogromen noch für alle sichtbar.

Das Verfahren gegen Wassermann stellte das Sondergericht Freiberg im April 1939 ein, da ein Vergehen nach dem Heimtückegesetz von 1934 nicht nachweisbar sei.

Die ‚Polenaktion‘ (3): Forschung und Öffentlichkeit

In ihrer Bedeutung als wichtiger Baustein in der Vorgeschichte der Novemberpogrome hat die ‚Polenaktion‘ in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit erlang.

Publikation und Ausstellung

Aktuelle thematisiert dies etwa ein Beitrag auf SPIEGEL ONLINE, der die Verbindung zwischen der Ausweisung polnischer Juden Ende Oktober und den Pogromen knapp zwei Wochen später zieht. Das ZDF-Magazin Frontal 21 widmete dem Ereignis einen kurzen Beitrag in seiner letzten Sendung (23.10.2018).

Die Ausstellung AUSGEWIESEN! Berlin, 28.10.1938. Die Geschichte der „Polenaktion“, die seit Sommer diesen Jahres im Centrum Judaicum in Berlin zu sehen ist und noch bis zum 30. Dezember 2018 läuft, stellt das Ereignis in den Mittelpunkt (siehe dazu: Bothe, Alina/Pickhan, Gertrud (Hg.): Ausgewiesen! Berlin, 28.10.1938. Die Geschichte der „Polenaktion“, Berlin [2018]).

Die ‚Polenaktion‘ in Sachsen: ReMembering

Auch das Leipziger Netzwerk ReMembering wendete sich in diesem Jahr der ‚Polenaktion‘ zu: In einem Workshop „Entrechtet über Nacht“, der von Februar bis Juni 2018 angeboten war, stand neben dem Pogrom auch die Abschiebung der polnischen Juden im Zentrum.

Film zum Abriss der Dortmunder Synagoge im Oktober 1938

Dass im Deutschen Reich 1938 bereits mehrere Synagogen der antisemitischen Zerstörungswut der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, habe ich bereits in einem früheren Beitrag geschildert.

Ein Filmdokument

Über die Enteignung und den Abriss der Dortmunder Synagoge im September und Oktober 1938 haben die Ruhr Nachrichten heute einen umfangreichen Beitrag auf ihre Homepage gestellt, der vor allem die Rolle des Hauptverantwortlichen, der NSDAP-Kreisleiter Friedrich Hesseldieck, rekonstruiert (der Beitrag steht nach Anmeldung auf der Homepage der Ruhr News kostenfrei zur Verfügung). Bei der richterlichen Untersuchung des Vorgangs nach 1945 wurde Hesseldieck trotz offensichtlicher Beweise freigesprochen.

Neben Bildmaterial ist in dem Beitrag auch ein zeitgenössisches Filmdokument verlinkt, das den Abriss der Synagoge zeigt und gegenwärtig (28.10.2018) auch über Youtube abgerufen werden kann.

Die ‚Polenaktion‘ (2): Sachsen

Die ‚Polenaktion‘ traf auch die in Sachsen lebenden Juden polnischer Herkunft. Auch sie wurden ab dem 27. Oktober 1938 aus ihren Wohnungen geholt, in Sammelstellen gebracht und dann meist per Zug an die deutsch-polnische Grenze gebracht. Vielfach unter Androhung von Gewalt wurden sie dann ins Niemandsland getrieben.

Zwickau und Chemnitz

In Zwickau traf dieses Schicksal 73 polnische Juden, die mit drei Autobussen nach Chemnitz gefahren. Von dort wurden sie zusammen mit zahlreichen Chemnitzer Betroffenen mit dem Zug nach Beuthen gefahren und mussten zu Fuß die Grenze überqueren (vgl. Tomaszewski, Jerzy: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938, Osnabrück 2002, S. 121).

Dresden und Leipzig

In Dresden begannen die Ausweisungen schon in den Abendstunden des 27. Oktober. In Leipzig war da zunächst nur der Befehl bekannt, der am Folgetag umgesetzt wurde (ebd., S. 127). Da aus der Messestadt etwa ein Drittel der Gemeindemitglieder von den Abschiebungen betroffen war, bedeutete das Ende zahlreicher orthodoxer jüdischer Gemeinschaften (ebd., S. 133).

Aderlass der Jüdischen Gemeinden

Nach den Angaben des polnischen Historikers Jerzy Tomaszewski trafen die Ausweisungen die sächsischen jüdischen Gemeinden hart. Insgesamt seien 2.804 Personen deportiert worden. Betroffen hätte es in den Polizeidirektionen Dresden 90, in Leipzig 50 und in Chemnitz 78 Prozent der dort lebenden polnischen Juden (ebd., S. 133). Zahlreiche der von den Ausweisungen betroffenen Menschen suchten Schutz im polnischen Generalkonsulat in Leipzig, auch solche aus Dresden und Chemnitz. Am 29. Oktober werden die Ausweisungen dann gestoppt und am 2. November beendet (ebd., S. 159, 170).

Die ‚Polenaktion‘ (1): Einführung

Ab dem 27. Oktober 1938, also heute vor 80 Jahren, erhielten mehrere Tausend polnischstämmige Juden im Deutschen Reich Ausweisungsanordnungen. Zwischen dem 27. und 29. Oktober wurden etwa 15.000 bis 17.000 Personen im Rahmen der sogenannten ‚Polenaktion‘ über die polnische Grenze getrieben. Oft wurden sie aus ihren Wohnungen herausgeholt und ohne, dass sie ihre Ausreise hätten vorbereiten können, zusammengeführt und unter anderem mit Zügen zur östlichen Reichsgrenze deportiert.

Ein polnisches Gesetz gegen die Rückwanderung

Auslöser für die ‚Polenaktion‘ war ein polnisches Passgesetz von Ende März 1938, dass die Aberkennung von polnischen Pässen ermöglichte, wenn sich Personen länger als fünf Jahre im Ausland aufhielten. Die betraf etwa 50.000 polnischstämmige Juden im Großdeutschen Reich. Dass Anfang Oktober 1938 zur Umsetzung des Gesetzes geschritten und die sich in Deutschland aufhaltenden Personen mit polnischem Pass dazu aufgefordert wurden, einen Kontrollvermerk in ihre Dokumente stempeln zu lassen, da diese sonst automatisch zum 30. Oktober 1938 ihre Gültigkeit verlieren würden, löste die ‚Polenaktion‘ aus.

Abgeschoben aus Hannover

Unter den Abgeschobenen befand sich auch die Familie des im Pariser Exil lebenden Herschel Grynszpan. Mit seinem Attentat auf den Diplomaten Ernst vom Rath in Paris wollte er ein Zeichen setzen. Die Nationalsozialisten nutzen das Ereignis, um reichsweit Pogrome gegen die als Juden verfolgten Menschen und ihren Besitz in Gang zu setzen.

Literaturhinweis: Tomaszewski, Jerzy: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938, Osnabrück 2002.

Zur ‚Polenaktion‘ zuletzt u. a. Frontal 21 (23.10.2018): https://www.zdf.de/assets/manuskript-abgeschoben-1938-100~original

Pogromerlebnisse außerhalb von Sachsen: Auguste Lazar aus Dresden – Ein Nachtrag

Was Auguste Lazar, die aus Dresden stammte und im November 1938 in Wien ihre Verwandten besuchte, in der Donaustadt erlebte, notierte sie später in ihren Lebenserinnerungen, die ich heute einsehen konnte.

Der Nachtmahr

Darin heißt es zu den Wiener Pogromereignissen:

„Jetzt war er da, der Nachtmahr, der Alb. Am hellen Tage war er da und ließ keinen von uns mehr los. Am 7. November war in Paris ein Attentat auf ein Mitglied der deutschen Botschaft verübt worden. Dies nahmen die Nazis zum Anlaß, in ihrem ganzen Machtbereich einen groß angelegten Pogrom zu inszenieren. Mehr oder weniger künstlich wurde überall der ‚Volkszorn‘ gegen die Juden entfacht. Nirgends mit größerem Erfolg als in Wien. Ich will die Greuelszenen nicht schildern, die sich auf Straßen und Plätzen abgespielt haben, die Plünderung unzähliger Geschäfte, die Überfälle auf Wohnungen, aus denen Juden ‚geholt‘ wurden, oder auf Passanten, die unter dem Hohngelächter uniformierter und nichtuniformierter Rowdies auf den Knien die Straßen scheuern mußten, von Stößen und Stockhieben getrieben. Unter irgendwelchen Vorwänden, manchmal auch ganz ohne Vorwand wurden zahllose Verhaftungen vorgenommen. Die Gestapo nahm ihre schmutzige Arbeit in größtem Umfang auf. Massentransporte in die Konzentrationslager setzten ein, vor allem nach Dachau“ (Lazar, Auguste: Arabesken. Aufzeichnungen aus bewegter Zeit, Berlin 1957, S. 252).

Tief geprägt

Besonders erschütterte Lazar eine Szene: „Vor einem Geschäft, dessen Schaufenster über und über mit roten Aufschriften beschmiert war: Jüd! Jüd! Jüd! stand ein kleiner Junge mit einem Schulranzen auf dem Rücken. Die Farbe war noch feucht. Der Junge fuhr mit dem Zeigefinger hinein und malte unter jedes J, das er erreichen konnte, rote Tropfen. ‚Wie Blutstropfen‘, sagte er befriedigt vor sich hin“ (ebd., S. 252 f.).

Schutz von Ausländern

In ihren Erinnerungen schildet Lazar auch, dass die ausländischen Konsulate in Wien ihre Staatsangehörigen mit „Anstecknadeln in Form von kleinen Flaggen in den betreffenden Landesfarben versorgt, damit sie unbehelligt blieben“ (ebd., S. 252). Tatsächlich, so auch die Anweisungen an Sicherheitspolizei und lokale Pogromakteure, sollten ausländische Juden unbehelligt bleiben. In der Praxis wurde jedoch auch diese Grenze vielfach überschritten und nicht beachtet.

Pogromerlebnisse außerhalb von Sachsen: Auguste Lazar aus Dresden

In Dresden lebte seit 1920 Auguste Lazar. Die 1886 in eine jüdische Familie hineingeborene, später dann zum Katholizismus konvertierte Schriftstellerin stand kommunistischen Ideen nahe.

Als ‚Jüdin‘ verfolgt

In der Zeit des Nationalsozialismus sah sie sich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ebenfalls verfolgt. Sie unterstützte den illegalen kommunistischen Widerstand. Die Pogromereignisse erlebte sie jedoch nicht in Dresden, sondern in Wien, wo sie ihre Familie besuchte. Auch in Sachsen verfolgte Menschen mussten die Pogromexzesse mithin an anderen Orten erleben, wenn sie auf Reisen waren.

Lazar jedenfalls nahm das Geschehen zum Anlass, ihre Ausreise zu planen. 1939 konnte sie nach Großbritannien auswandern. 1949 kehrte sie wieder nach Dresden zurück, wo sie bis zu ihrem Tod 1970 als Schriftstellerin arbeitete.

Zur Biografie u. a.: Schreiber, Horst: Auguste-Lazar-Straße. Schriftstellerin zwischen Antisemitismus und Kommunismus, in: drobs (2018), 1, S. 16.

Pogromprozesse (8): Ein Täter in Glauchau

Immer wieder finden sich für Orte, in denen es 1938 zu Pogromgewalt kam, Hinweise auf nach 1945 erfolgte Gerichtsverfahren gegen Pogromtäter.

„anderthalb Jahre gesessen“

In einem Artikel in der Freien Presse vom 27. November 1998 – im Kontext des 60. Jahrestags der Pogromereignisse also – wurde über die Übergriffe gegen die Familie Izbicki in Glauchau berichtet. Daran hätten sich auch einige Hausbewohner beteiligt – einer von ihnen sogar besonders handgreiflich. Letzterer, dessen Name in dem Zeitungsbeitrag nicht genannt ist, soll für seine Tat zur Verantwortung gezogen worden sein: Nach 1945 habe er nach dem Bericht eines Zeitzeugen dafür „anderthalb Jahre gesessen“.

Möglicherweise gibt es zu diesem Verfahren noch Prozessunterlagen, die auch für die weitere Rekonstruktion der Glauchauer Pogromereignisse von Nutzen sein könnten.

Neue Zeitzeugenberichte (2/IV): Lothar Steyer in Chemnitz

Einen weiteren Eintrag bietet Steyers Tagebuch, der Bezug zu den Pogromen hat. Da Steyer und seine Mitschüler am 10. November 1938 den Unterricht geschwänzt hatten, um die zerstörte Synagoge zu sehen, hatten sie eine Karzerstrafe erhalten.

Aufhebung von Strafe

Unter dem 15. November 1938 hieß es im Tagebuch: „Als unsere Klasse sich heute nachmittag zum Carzer, für die geschwänzten Stunden beim Synagogenbrand, zusammengefunden hatte, teilte uns Dr. Naumann mit, daß alle Strafen, die anläßlich dieses Falles (Synagogenbrand) verhängt worden seien, auf Grund eines ministeriellen Erlasses, zurückgezogen werden müßten. Somit konnten wir wieder heimgehen“ (Stadtarchiv Chemnitz, Zeitgeschichtliche Sammlung, ZGSL 83).

Neue Zeitzeugenberichte (2/III): Lothar Steyer in Chemnitz

Auch am 11. November 1938 lassen Lothar Steyer die Pogromereignisse in Chemnitz nicht los. In seinem Tagebuch schreibt er unter diesem Datum von den weiteren Entwicklungen in der Stadt:

„Der Inhaber des Geschäftes Tietz: ‚Geist‘ und seine Frau sollen erschossen sein!* Alle Juden sind vermutlich in Konzentrationslagern.

Die Synagoge ist bis auf die Mauern völlig in Trümmer. Der Abbruch beginnt bereit.

Ein Aufruf Göbbels [Goebbels] (i. d. Zeitung) deckt diese tat der Reichsleitung mit dem Vorwand der ‚Volkswut‘. Während ein sehr großer Teil des Volkes diese Mutsache mißbilligt“ (Stadtarchiv Chemnitz, Zeitgeschichtliche Sammlung, ZGSL 83).

* Erschossen wurde Hermann Fürstenheim, der Geschäftsführer des Tietz. Seine Frau floh nach Berlin.

Der Tagebucheintrag des 17-Jährigen zeigt damit deutlich, dass viele Zeitgenossen sehr genau wussten, wer für die Gewalt verantwortlich zeichnete und dass die Ereignisse alles, nur nicht ‚spontaner Volkszorn‘ waren. Außerdem hörte Steyer auch die Gerüchte von dem Mord an Fürstenheim und die Verschleppung verhafteter Juden in Konzentrationslager.