Dresden – Berichte von Augenzeugen (2): Wieland Förster

Auch der 1930 geborene Bildhauer Wieland Förster wurde in Dresden Zeuge der Pogrome. Das Erlebte hielt er in einer 2012 erschienenen Autobiografie zu seinen Jugendjahren fest (Förster, Wieland: Seerosenteich. Autobiografie einer Jugend in Dresden 1930-1946, Dresden 2012).

Mit der Mutter zur Brandruine der Dresdner Synagoge

Wieland verbrachte seine Kindheit in Laubegast. Für den 10. November 1938 erinnert er sich an folgende Begebenheiten:

„An einem grauen Novembermorgen – ich bin mir nicht sicher, ob es ein Schultag war – weckte mich meine Mutter früher als üblich. Außer sich drängte sie zur Eile: ‚Mach schnell Junge, wir müssen in die Stadt.‘ […].

Über Laubegast, der nur in Hochwasserzeiten klar umrissenen Insel, und den durchfahrenen Vorstädten Tolkewitz und Striesen lag dichter Nebel. Die Straßen verzweigten sich bedrückend leer und verlassen, was besonders hinter dem Fürstenplatz, der zunehmend dichter bebauten Innenstadt, auffiel. In den engen Gassen der Trödler und Handwerksbetriebe hingen die Nebelschwaden wie feine Stores zwischen den Fassaden. In anderen Vierteln glaubte ich bläuliche Rauchfahnen wehen zu sehen, aber geschützt vom eisernen, über die Gleise rumpelnden Waggon tat sich diese Wahrnehmung als Zeichen meiner Ermüdung ab. Kurz vor der Haltestelle ‚Amalienbrauerei‘. Richtung ‚Pirnaischer Platz‘ zog sich meine Mutter, als stünde sie unter Beobachtung, auf den hinteren Perron zurück. Sie spähte, seltsam verwirrt, in die links und rechts abgehenden Straßen und sprang, sobald die Straßenbahn hielt, mich nachziehend, auf das feucht glänzende Pflaster hinab. Der aufsteigende Neben war von ätzendem Brandgeruch durchsetzt. Die Tore der Brauerei standen, bestimmt wie an allen Tagen zuvor, weit offen. Im Hof klirrten die Ketten der schon angeschirrten Kaltblüter. Doch die Kutscher bewegten sie nicht, keine Käufer drängten sich vor den menschenleeren Fassausgaben, und die verödeten Wirtshausstuben flößten mir Furcht ein.

Wie ein kleiner Junge ging ich langsam und unsicher an der Hand meiner Mutter, von wachsender Neugier ergriffen, die Schaufenster der anliegenden Geschäfte ab, bis zur breiten Straßenauffahrt der ‚Carolabrücke‘, eingeschüchtert von den ungeheuerlich großen Schemen der aufsteigenden Flusspferdegruppen. Nach Überquerung der breiten Straßen und Schienen standen wir bald vor einer hohen Mauer. Hinter den vergitterten Durchbrüchen schwamm in unklaren Konturen, mehr fleckenhaft, ein parkähnliches, vom schwelendem Rauch verdunkeltes Areal, das, als Windböen den undurchdringlichen Qualm zerrissen, den Blick auf die rauchende Ruine eines kirchenähnlichen Gebäudes freigab. Ausgesperrt standen wir vor einem aus Eisenspeeren gefügten Tor fröstelnd im Sprühregen, unwissend in Haft genommen von einer unfassbaren Macht, deren Botschaft die pure Angst war.

In dieser Stunde verbot sich jede Frage, jedes dahingeflüsterte Gespräch zwischen und – nur unerträgliches Schweigen und die Gewissheit totalen Vertrauens. Meine Mutter, die Unpolitische, hatte den Mut gehabt, mich am Morgen nach der ‚Kristallnacht‘ zum Zeitzeugen der niedergebrannten Synagoge zu machen.

Von da an beherrschte zu allen Tages- und Nachtzeiten der aufgeputschte Mob die Bürgersteige der Geschäftsstraßen. Das Ereignis dieser Nacht ging als leises, aber unüberhörbares Signal für die Auslöschung der nachbarlich lebenden Juden übers Land und in die Welt. Im Schatten dieser Vergangenheit kann ich meinen Geburtsort nicht vor der Welt entlasten“ (S. 27 f.).

Dresden – Berichte von Augenzeugen (1): Otto Griebel

Die wohl bekannteste und viel zitierte Schilderung eines Zuschauers der Dresdner Pogromereignisse des 10. November 1938 stammt von dem Maler Otto Griebel.

An der Synagoge

Den 10. November 1938 schilderte Griebel wie folgt:

„Ende Oktober [1938] erhielt ich durch den ‚Sächsischen Künstlerhilfsbund‘ abermals einen Erholungsaufenthalt für die Zeit vom 10. November bis zum 2. Dezember; wiederum in Grillenburg. Ich befand mich bereits beim Packen meines Koffers, als der Briefträger erschien und berichtete, in der Stadt seien jüdische Geschäfte von SA-Leuten zerstört und in der Nacht die Synagoge angebrannt worden.

Zuerst wollte ich dies gar nicht glauben, aber aus dem Fenster meines Ateliers konnte ich ja fast die gesamte Innenstadt überblicken, und richtig: in der Nähe des Terrassenufers stieg dünner, schwarzer Rauch hoch. Ich machte mich auf, um selbst zu sehen, was geschehen war. Mein Weg führte über die Bürgerwiese und Ringstraße zum Pirnaischen Platz, schließlich zur Synagoge, die ausgebrannt und noch rauchend dastand. Daneben gewahrte ich zwei der großen modernen Motorspritzen, deren Besatzungen inmitten einer großen Gaffermenge untätig herumsaßen. In der Menge entdeckte ich auch einen kleinen, alten Fürsorgeempfänger, ein bärtiges Männlein, dem Franz Hackel und ich den Namen ‚Der Diogenes von Dresden‘ gegeben hatten, weil er immerfort am Elbestrand in der Sonne lag und alles verfolgte, was in der Stadt so vor sich ging. Wir waren vom ‚Stempelpark‘ her gute Bekannte, und als mich der Alte nun erblickte, meinte er fast beschwörend und mit blitzenden Augen: ‚Dieses Feuer kehrt zurück. Es wird einen großen Bogen gehen und wieder zu uns kommen!‘ Dann entschwand er.

Inzwischen hatten einige uniformierte SA-Leute einige völlig verstört blickende und totenbleiche jüdische Lehrer aus dem nahen israelitischen Gemeindehaus hervorgeholt, ihnen verbeulte Zylinder auf die Köpfe gedrückt und sie vor der johlenden Menge aufgestellt, vor der die Unglücklichen sich auf Befehl hin tief verbeugen und die Hüte von den Köpfen ziehen mußten.

Einem gepflegt aussehenden, grauhaarigen Passanten, der den Eindruck eines Schauspielers machte, war das Geschehene zuviel und voller Empörung rief er laut aus: ‚ Unglaublich, das ist ja schlimmstes Mittelalter!‘ Aber kaum hatte er dies geäußert, griffen in auch schon anwesende Gestapobeamte und nahmen ihn mit“ (Griebel, Otto: Ich war ein Mann der Strasse. Lebenserinnerungen eines Dresdner Malers, Halle/Leipzig 1986, S. 400-402).

Über die Prager Straße

Anschließend spazierte Griebel weiter durch die Stadt:

„Über den Neumarkt begab ich mich zur Schloßstraße und lief von dort die Seestraße und Prager Straße entlang, in denen mehrere jüdische Geschäfte waren, deren Schaufenster allesamt in der vergangenen Nacht von SA eingeschlagen und ausgeplündert worden waren. Jetzt sah man an manchen Läden Glaser die Bruchstücke aus den Rahmen entfernen. Immerfort trat man auf Glassplitter. Ich beobachtete, wie zwei gutgekleidete Passanten beim Photographieren von Kriminalbeamten angehalten wurden und ihre Filme weggenommen bekamen.

Plötzlich klang von fern her der sich rasch nähernde Ruf: ‚Wir danken unserm Führer! Juda verrecke! Deutschland erwache!‘ Und dann er schien, starr geradeaus glotzend und mit vorgestrecktem Arm, ein stadtbekanntes Original, das ‚Seifen-Franke‘ genannt wurde, weil er mit Seife hausierte. Wie es hieß, soll Franke im ersten Weltkrieg einen Kopfschuß und deshalb später den Paragraphen 51 erhalten haben. Manche hielten ihn für harmlos idiotisch, andere für gar nicht dumm und eher verschlagen. Ich hörte nur, wie von zwei älteren Herren der eine grinsend zum anderen sagte: ‚Dem hat sicher einer zwei Mark zugesteckt und aufgetragen, das zu brüllen.‘ Tatsächlich blieb ‚Seifen-Franke‘ von den vielen Polizeibeamten unbehelligt.

Was da geschah, war furchtbar. Ratlos fuhr ich am Nachmittag nach Grillenburg“ (S. 402 f.).

Interessant ist hierbei auch Griebels Beobachtung, dass einer Person, die beim Fotografieren entdeckt wurde, die Filme abgenommen worden seien. Sie zeigt zweierlei: Zum einen, dass die Pogromtäter grundsätzlich daran interessiert waren, Bildmaterial möglichst zu verhindern; zum anderen aber eben auch, dass es Menschen gab, die auch von den zerstörten Dresdner Geschäften fotografische Aufnahmen machten. Es ist anzunehmen, dass sich deshalb noch Aufnahmen, die nicht konfisziert wurden, in privaten Fotoalben befinden.

Die Quellen (1): Zeitzeugenberichte

Eine wichtige Quelle für jeden, der sich mit den Novemberpogromen (oder anderen historischen Ereignisse) auseinandersetzen möchte, sind die Aussagen von Zeitzeugen. Deren Selbstzeugnisse erlauben, die öffentliche Überlieferung in Archiven und Bibliotheken durch den persönlichen Blick wie die individuelle Wahrnehmung zu bestätigen, zu ergänzen oder in Frage zu stellen.

Die Perspektive der Augenzeugen: Die Verfolgten

Die von der Gewalt Betroffenen, Zuschauer und Tatbeteiligten erlebten die Ereignisse dabei aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven. Die als ‚Juden‘ Verfolgten schrieben nicht selten kurz nach den Ereignissen oder auch erst im Alter ihre Erlebnisse nieder, um diese in der Erinnerung präsent zu halten, das erlebte Grauen zu dokumentieren oder zu verarbeiten. Institutionen, wie die Wiener Library, das Leo Baeck Institute und Yad Vashem, sammelten solche Berichte systematisch und stellten sie der Forschung zur Verfügung.

Die Täter

Täter hingegen kamen vielfach, wenn überhaupt, erst in den nach Kriegsende erfolgenden gerichtlichen Untersuchungen zu den Pogromen zu Wort. Ihre Prozess- und Vernehmungsaussagen schilderten dann in erster Linie ihre Sicht der Dinge und Verantwortung angesichts drohender Bestrafung.

Teilweise sind ihre Tatbekenntnisse auch von Dritten überliefert, wenn sie sich etwa vor anderen ihrer Beteiligung an den Pogromen gebrüstet hatten.

Oft blieb aber auch das Schweigen. Viele Täter wurden nicht zur Verantwortung gezogen oder konnten aufgrund verstrichener Verjährungsfristen nicht mehr gerichtlich belangt werden. Nicht selten lebten sie weiter in jenen Orten, in denen sie an Pogromen beteiligt waren.

Die Zuschauer

Berichte und Fotografien belegen, dass die Pogromhandlungen zumindest am 10. November in der Regel zahlreiche Zuschauer anzogen. Diese verfolgten die Ereignisse mit unterschiedlichen Gefühlen – von offener Zustimmung bis hin zur Ablehnung. Ihre Berichte fanden ebenfalls in autobiografische Schriften oder auch in Leserbriefe an Zeitungen Eingang, vor allem in den letzten drei Jahrzehnten – in einer Phase also, in der die Novemberpogrome auch in Sachsen stärker in den Fokus der öffentlichen Erinnerung gerückt waren.

Quellenkritik

Bei allen Berichten (wie auch den sonstigen Quellen) ist es wichtig, sie in ihren Kontext und ihre Entstehungszeit zu stellen. So spiegeln etwa nicht alle Erinnerungen die historischen Tatsachen oder den Ablauf der Ereignisse korrekt wider oder weisen Ungenauigkeiten auf, die in den Blick genommen werden müssen. Um ein annähernd genaues Bild der Pogromereignisse vor Ort zu erhalten, gilt es deshalb, die verfügbaren Zeitzeugenaussagen mit amtlichen Quellen, Zeitungsberichten, den Fotografien und natürlich auch der bereits vorhandenen Forschungsliteratur abzugleichen.

Pogrom|Gewalt (2): Die „Sudetenkrise“ im Spätsommer 1938

Um frei von den Entwicklungen in Mitteleuropa berichten zu können, ging der Journalist George Eric Rowe Gedye nach dem ‚Anschluss‘ Österreichs im März 1938 nach Prag.

Die ‚Sudetenkrise‘

In der Tschechoslowakei wurde Gedye Zeuge der Ereignisse der vom nationalsozialistischen Deutschland geschürten Krise um das sogenannte ‚Sudetenland‘, das schließlich nach dem Münchner Abkommen ins Deutsche Reich eingegliedert wurde.

Antijüdische Gewalt

Mit der ‚Sudetenkrise‘ einher ging in Gebieten mit hohem volksdeutschen Bevölkerungsanteil massive Gewalt gegen tschechische und jüdische Geschäfte sowie politische Gegner.

Gedye berichtet so von einer Fahrt ins ‚Sudetenland‘:

„Die Hauptstraßen von Karlsbad waren mit den Scherben zerbrochener Auslagescheiben übersät. Jedes Geschäft, das ein tschechisches oder jüdisches Firmenschild trug, hatte die Scheiben eingebüßt; die meisten Auslagen waren geplündert worden. […] Als ich die Verwüstung in einem Geschäft photographieren wollte, stellten sich zwei Henlein-Buben von ungefähr siebzehn Jahren zwischen meine Kamera und die Auslage, um mich am Photographieren zu hindern. Als ich zu ihnen sagte: ‚Eure Gesichter werden sich auf der Aufnahme sehr gut neben diesem Musterexemplar deutscher Kultur ausnehmen‘, verschwanden sie. […].

Heute schien nicht ein einziger der bescheidenen jüdischen Läden dieses Ortes unversehrt aus dem Sturm der vergangenen Nacht hervorgegangen zu sein“ (Gedye, George E. R.: Als die Bastionen fielen. Die Errichtung der Dollfuß-Diktatur und Hitlers Einmarsch in Wien und den Sudeten, Wien 1981, S. 390 f.).

Auch in weiteren Orten sah Gedye zerstörte Geschäfte. Sein Urteil über den Ablauf der Gewalt hielt er ebenfalls in seinem Buch fest:

„Die [gemeint sind die Anhänger Konrad Henleins] begannen ganz methodisch alle tschechischen, jüdischen oder deutschdemokratischen Geschäfte zu zerstören und jeden politischen Gegner, der ihnen unter die Hände kam, zu mißhandeln. In manchen Städten waren die Geschäfte ausgeraubt worden, in anderen hatte der Kommandant der Sturmtruppen nach dem Befehl, die Auslagen zu zertrümmern, zwei Sturmtruppmänner mit dem Auftrag postiert, Plünderungen zu verhindern“ (S. 395).

Pogromgewalt vor dem Novemberpogrom

Die geschilderte Gewalt und Zerstörung – sowohl in Österreich als auch in der Tschechoslowakei – nahm in ihren Mitteln und Ausprägungen damit bereits vieles von dem vorweg, was die Novemberpogrome flächendeckend für das gesamte Deutsche Reich bedeuten sollten. Insofern waren die Pogrome um den 9./10.November 1938 zwar schon eine Zäsur in der nationalsozialistischen Judenpolitik. Gleichzeitig standen sie jedoch auch in der Kontinuität kollektiver antisemitischer Gewalt der Vormonate.

Pogrom|Gewalt (1): Der „Anschluss“ Österreichs im März 1938

Die Novemberpogrome waren 1938 nicht die ersten koordinierten Gewaltexzesse, die sich ausdrücklich gegen als ‚Juden‘ verfolgte Menschen richteten. Neben alltäglichen Übergriffen kam es bereits im März und April im Zuge des sogenannten ‚Anschlusses‘ von Österreich – tatsächlich die faktische Annektierung und Besetzung des Landes, die gleichwohl von vielen Österreichern begrüßt wurde – zu Pogromen.

Die Anschlusspogrome in Österreich

Seit Mitte der 1920er-Jahre berichtete aus Wien der Korrespondent George Eric Rowe Gedye von den Entwicklungen in Österreich. Gedye schrieb unter anderem für die New York Times. Er beobachtete den ‚Anschluss‘ und erlebte die in Wien gegen als ‚Juden‘ Verfolgte gerichtete Gewalt. Seine Wahrnehmungen verarbeitete er in einem Buch, dass zuerst 1939 in England, 1940 in den USA und schließlich 1947 als deutsche Ausgabe in Wien erschien (Gedye, George E. R.: Als die Bastionen fielen. Die Errichtung der Dollfuß-Diktatur und Hitlers Einmarsch in Wien und den Sudeten, Wien 1981).

„Reibepartien“ – Die antisemitische Gewalt in Wien

Darin heißt es unter anderem

„Von meinem Büro am Petersplatz konnte ich auch Wochen hindurch den Lieblingssport des Nazimobs beobachten: jüdische Männer und Frauen wurden gezwungen, auf allen vieren kriechend, den Gehsteig mit einer scharfen Lauge zu reiben, die ihnen die Haut verbrannte, so daß sie sich sofort in Spitalsbehandlung begeben mußten“ (S. 294).

Mit diesen ‚Reibepartien‘ einher gingen öffentliche Demütigungen, die Beschmierung von Geschäften und weitere Gewaltexzesse. Der Historiker Dieter Hecht hat nicht nur auf den daraus resultierenden Anstieg der Selbstmordrate um das Vierfache hingewiesen, sondern auch hervorgehoben, dass die NS-Behörden zwar bereits am 14. März erstmals einschritten, eine wirkliche Unterbindung der Ausschreitungen dann allerdings erst Ende April 1938 durch Gauleiter Josef Bürckel versucht wurde (siehe: Hecht, Dieter: Demütigungsrituale – Alltagsszenen nach dem „Anschluss“ in Wien, in: Welzig, Werner (Hg.): „Anschluss“. März/April 1938 in Österreich, Wien 2010, 39–71, hier: S. 42 f.).

Die ‚Anschlusspogrome‘ hatten auch die Verdrängung der Verfolgten aus ihren Geschäften und Unternehmen sowie eine große Fluchtwelle zur Folge, die wiederum eine Verschärfung der Einreisebedingungen in mehreren Aufnahmeländern nach sich zog und die Emigration von als ‚Juden‘ Verfolgten aus dem Deutschen Reich erschwerte.

9. November (2): Gedenktag der nationalsozialistischen Bewegung – Leipzig

Eine nicht zu unterschätzende organisatorische Grundbedingung für die Pogromtaten bildete in vielen Orten die Tatsache, dass der 9. November 1938 auch der 15. Jahrestag des gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putschs war. Mitglieder der NSDAP und ihrer Gliederungen versammelten sich an diesem Tag zum Gedenken und zur „Heldenehrung“ – und nicht selten brachen sie dann von diesen Veranstaltungen auf, um die Pogrome zu inszenieren.

Der Hitler-Putsch (1923)

Am 8./9. November 1923 hatten Adolf Hitler, Erich Ludendorff und weitere Putschisten in München den Aufstand geprobt und die Regierung für abgesetzt erklärt. Ein beabsichtigter Marsch auf Berlin scheiterte am Münchner Odeonsplatz, wo es zum Schusswechsel mit der Bayrischen Landespolizei kam. Vier Polizisten, ein Schaulustiger und 13 Putschisten starben.

Gedenken an die „Blutzeugen“ der nationalsozialistischen Bewegung: Leipzig

Aufgrund des Hitlerputsches wurde der 9. November zum zentralen Erinnerungs- und Gedenktag der NS-Bewegung, der im „Dritten Reich“ mit großer Inszenierung begangen wurde.

So auch 1938 in Leipzig, wo mehrere „Blutzeugen der Bewegung“ – also vor 1933 getötete Nationalsozialisten – am 8./9. November auf den Südfriedhof überführt und in einer eigens geschaffenen Gedenkanlage beigesetzt wurden.

Am 9. November 1938 fanden dann am Abend um 20:30 Uhr Veranstaltungen in die einzelnen Ortsgruppen der NSDAP statt. Ranghohe Vertreter der NSDAP wohnten auf Einladung des Oberbürgermeisters zudem der Aufführung von Richard Wagners Oper „Der fliegende Holländer“ bei.

Erst in den späten Abendstunden, habe dann die Bekanntmachung des Todes des Pariser Diplomaten vom Rath „[u]ngeheure Erregung und Empörung“ ausgelöst – so Erich Schwabl, der im Ton der antisemitischen nationalsozialistischen Propaganda im Leipziger Jahrbuch auf das Jahr 1938 zurückblickte.

Bildquelle: Umbettung von sieben Leipziger „Blutzeugen“, 08./09.11.1938 (Leipziger Neueste Nachrichten).

Die Organisation der Gewalt (2): Neustadt (Sachsen)

Auch die Berichte von den Pogromereignissen in Neustadt bei Sebnitz geben Zeugnis von der Organisation der Gewalt. Diese stand auch den Beobachtern vor Ort vor Augen. Kaum jemandem dürfte entgangen sein, dass der von der nationalsozialistischen Propaganda behauptete „spontane Volkszorn“ tatsächlich, mehr oder weniger gut, durch die NSDAP und ihre Gliederungen organisiert war.

Steine aus einem Auto

In Neustadt fuhr ein Autor vor das Textilgeschäft von Eric Israel in der Böhmischen Straße 19 vor. Aus diesem flogen Steine in die Fensterscheiben des Geschäfts.

In der Einfahrt auf der gegenüberliegenden Straßenseite soll zudem ein Tafelwagen mit der Beschriftung „Judenschwein“ und „Judensau“ gestanden haben. Damit sollte das Ehepaar Israel durch die Stadt gefahren werden. Es konnte aber mit Hilfe des Besitzers des Hauses, des Schneidermeisters Josef Wehland, fliehen.

Organisierte Kundgebung

Die später herabgelassenen Rollläden des Geschäfts wurden mit antisemitischen Losungen beschmiert. Zudem sei es noch zu einer Zusammenrottung gekommen, bei der antisemitische Losungen gebrüllt worden seien.

Der Familie Israel gelang 1939 die Flucht in die USA.

Die Angaben zu den Pogromen in Neustadt (Sachsen) sind entnommen aus:

Bergmann, Herbert: Juden in Sebnitz und ihr Schicksal, Sebnitz/Hinterhermsdorf 1999.

Die Organisation der Gewalt (1): Leipzig

Nach allem, was bislang bekannt ist, setzten die Pogromhandlungen in Leipzig erst am 10. November ein. Gegen 1 Uhr nachts erhielt der Kreisleiter der NSDAP Leipzig, Ernst Wettengel, einen Anruf der Gauleitung in Dresden. Darin wurden ‚Maßnahmen‘ gegen die Juden sowie die Zerstörung der Synagogen angeordnet.

Im Vergleich zu Dresden und Chemnitz später Pogrombeginn in Leipzig

In Dresden, aber auch in Chemnitz brach sich die Gewalt bereits ab dem Abend des 9. November seine Bahn. In Leipzig, dürften verschiedene Faktoren den späteren Beginn der Pogrome bedingt haben: Nicht nur die nationalsozialistischen Feierlichkeiten in Erinnerung an den 9. November 1923, den Jahrestag des Hitler-Ludendoff-Putsches, sondern auch die internationale Stellung der Stadt – als Messestadt und Sitz ausländischer Vertretungen – dürften hier eine Rolle gespielt haben.

Der NSDAP-Kreisleiter organisiert die Gewalt

Nach dem Anruf aus Dresden rief Kreisleiter Wettengel die Ortsgruppenleiter und SA-Standartenführer zunächst zu einer Besprechung zusammen. Die Brandschatzung der Einrichtungen der Israelitischen Religionsgemeinde oblag organisatorisch dem Führer der SA-Motor-Standarte 35, Kurt Kießling.

Die ‚spontanen Aktionen‘ sollten ohne Hoheitsabzeichen und Uniform ausgeführt werden. Mit Fahrzeugen ausgestattete Trupps des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps begannen in den folgenden Stunden mit ihrem Zerstörungswerk.

Kaufhaus Bamberger & Hertz – das erste Feuer

Nach den Recherchen des Leipziger Historiker Steffen Held, einem der besten Kenner der Leipziger Pogromereignisse, war das erste Gebäude, das in Leipzig angegriffen wurde, allerdings nicht die von den Zerstörungstrupps planmäßig in Brand gesetzte Synagoge in der Gottschedstraße unweit der NSDAP-Kreisleitung. Vielmehr seien es SA-Leute gewesen, die in einer spontanen, unkoordinierten Aktion das Kaufhaus Bamberger & Hertz am Augustusplatz in Brand setzten. Die Schuld am Feuer wurde dann allerdings den als ‚Juden‘ verfolgten Geschäftsinhabern zur Last gelegt.

Literaturhinweise:

Held, Steffen: Der Novemberpogrom 1938 und das Spannungsverhältnis öffentlicher Anteilnahme, in: Leipziger Blätter (1998), 33, S. 60–62.

Held, Steffen: Der Novemberpogrom in Leipzig und die Massenverhaftung Leipziger Juden 1938/39, in: Unger, Manfred (Red.): Judaica Lipsiensia. Zur Geschichte der Juden in Leipzig, Leipzig: Edition Leipzig 1994, S. 194–206.

9. November (1): Der Fall des Kaufmanns Bach in Mittweida

Dass Repressalien und Gewalt gegen als ‚Juden‘ verfolgte Menschen auch in Sachsen schon vor den Pogromen im November 1938 immer wieder vorkamen, belegen unter anderem Ereignisse am 9. November 1937 in Mittweida.

Das Kaufhaus Bach am Markt in Mittweida

Das Kaufhaus von Frieda und Herbert Bach war bereits 1933 vom sogenannten Boykott ‚jüdischer‘ Geschäfte betroffen. Es musste 1935 schließen; fortan betrieb Bach ein kleines Geschäft. Am 9. November 1937 verhaftete man Herbert Bach und überführte ihn ins Amtsgericht. Der gegen ihn erhobene Vorwurf lautete auf Lieferbetrug.

Der Tod Herbert Bachs

Was dann genau im Amtsgerichtsgebäude geschah, ist nicht restlos geklärt. Sicher ist, dass Bach den Tag nicht überlebte, weil sich der 33-Jährige angesichts der Verfolgung aus dem Fenster zu Tode stürzte oder durch Dritte hinabgestoßen wurde.

Seit 2008 erinnern zwei Stolpersteine in der Stadt an das Ehepaar. Am 9. November 2017 – dem 80. Jahrestag des Todesfalls – wurde im Rathaus, dem ehemaligen Amtsgericht, eine Gedenktafel enthüllt. Sie wird nach dem Abschluss der Sanierungsarbeiten an der Unglücksstelle angebracht.

Ausführliches wird man zum Fall der Familie Bach in dem Anfang des kommenden Jahres erscheinenden Buch des Historikers Jürgen Nitsche zur Geschichte der Juden in Mittweida nachlesen können.

Hierzu auch:

Domschke, Jan-Peter; et al.: Zur Geschichte der Stadt Mittweida, Mittweida 2009, 140.

Briefmarken (4) – Das Gedenken an die Novemberpogrome in Israel (1988)

Ebenfalls 1988 gab auch Israel eine Briefmarke zum Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 heraus. Zahlreiche der in Deutschland nach 1933 als ‚Juden‘ verfolgte Menschen hatten hier Zuflucht und oft auch ein zweites Zuhause gefunden.

Die brennende Synagoge in Heilbronn

Wie die bundesdeutsche Marke, so nahm auch die israelische Briefmarke die Abbildung einer, während der Novemberpogrome brennenden Synagoge auf: Sie zeigt ein Foto der Heilbronner Synagoge. Die Marke erschien im Nennwert von 80 Agorot.

Literaturhinweis: Eisenberg, Ronald L.: The Jewish World in Stamps. 4000 Years of Jewish Civilization in Postal Stamps, Rockville 2002.

Bildquelle: http://www.alemannia-judaica.de/synagoge_heilbronn.htm