Die Organisation der Gewalt (7): Weißwasser

In den damals zu Preußen gehörenden Gebieten lief die Organisation der Pogrome ähnlich ab, wie im Gau Sachsen. Dies wird deutlich am Beispiel der Ereignisse in Weißwasser.

Von der Kreisleitung angeordnet

Die Anweisung für die Pogromereignisse in der Glasbläserstadt gab hier die Kreisleitung der NSDAP in Rothenburg. Fünf SA-Zerstörungstrupps aus Angehörigen der SA-Stürme 31 und 39 wurden mit der Durchführung beauftragt und setzten sich am frühen Morgen des 10. November nach Weißwasser und ins benachbarte Muskau in Bewegung.

Dort zerstörten sie Wohnungen und Geschäfte der Verfolgten. Die Demolierung der Praxis des Arztes Dr. Altmann – und dies zeigt lokale Besonderheiten und Interpretationsspielräume auf – sei dann auf Wunsch des NSDAP-Ortsgruppenleiters Bertko zerschlagen worden.

Zum Pogrom in Weißwasser siehe: Schubert, Werner: Beiträge zur Geschichte der Juden in Weißwasser. Eine bedeutsame Episode zwischen 1881 und 1945, Weißwasser in der Oberlausitz 2014, bes. S. 218-228.

Die Organisation der Gewalt (6): Bautzen

Auch für Bautzen lag eine Anweisung des NSDAP-Kreisleiters Karl Martin vor, dass SA bereitgestellt werden solle. Diese sollte vor ‚jüdischen‘ Geschäften Menschenansammlungen herbeiführen.

SA-Männer setzen des Pogrom um

Im 7 Uhr am Morgen des 10. November begaben sich daraufhin der SA-Sturmführer Georg Rafelt, dem die Verantwortung für die Durchführung der Pogromgewalt übertragen war und der SA-Truppführer Arthur Domschke auf einen ‚informativen Rundgang‘ durch Bautzen. Dabei schlugen sie bereits auf der Reichenstraße Scheiben ein.

Mit weiteren SA-Männern, meist in Zivil, seien dann weitere Zerstörungen und das Zusammentreiben der in Bautzen als Juden verfolgten Menschen vorgenommen worden. Demütigungen und Gewalt erstreckten sich über Stunden. Die Betstube der Jüdischen Gemeinde wurde zerstört.

Rafelt und Domschke mussten sich nach Kriegsende zusammen mit anderen Mittätern für ihre Pogromtaten verantworten.

Die Organisation der Gewalt (5): Großröhrsdorf

Ebenfalls in der Nacht zum 10. November 1938 setzte der Pogrom in Großröhrsdorf ein. Um 2:30 Uhr versammelte sich vor dem Kaufhaus der als Juden verfolgten Familie Schönwald eine kleine Schar von Pogromtätern in Zivilkleidung. Diese riefen zunächst ‚Juden raus‘, zerrten die verstörte Familie Schönwald schließlich aus dem Haus, warfen Scheiben ein und beschmierten das Gebäude.

Durch die Stadt getrieben

Curt und Regina Schönwald wurden zusammen mit Johanna Pleß anschließend durch den Ort getrieben und dann noch für einige Stunden in ‚Schutzhaft‘ genommen.

Für die Organisation der Pogromgewalt war offensichtlich auch für Großröhrsdorf der zuständige NSDAP-Kreisleiter in Kamenz, Ernst Zitzmann, zuständig. Zitzmann soll so unter anderem die Ortspolizei angewiesen haben, die Kirchenglocken zu läuten, um dem Ereignis möglichst große Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Ausführlich dazu: Littig, Norbert: Erbaut 1928 C S. Erinnerung an die jüdische Familie Schönwald aus Grossröhrsdorf, Großröhrsdorf 2008, S. 77-81.

Die Organisation der Gewalt (3): Riesa

Vor allem über die NSDAP-Kreisleitungen wurden in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 die Pogrome in den sächsischen Städten organisiert.

Riesa und die Pogromgewalt

Ähnlich wie in Leipzig begannen auch in Riesa die Verantwortlichen ab 1 Uhr nachts die als ‚spontanen Volkszorn‘ ausgelegten Übergriffe auf die als Juden verfolgten Einwohner und ihr Eigentum zu planen. Um 2 Uhr, so hat Alfred Kühn, herausgefunden, habe der lokale Pogrom dann begonnen.

Übergriffe auf die Familie Lenczynski

Um 5:16 Uhr meldete der Arbeiter Arthur Reimer in Riesa auf dem Polizeirevier, dass sich auf der Schlageterstraße vor dem Kaufhaus Lenczynski eine große Menschenmenge versammelt habe und skandaliere. Die verwitwete Lenczynski habe sich zur gleichen Zeit telefonisch gemeldet und gesagt, dass die Menschen sie mit dem Tod bedrohen würden. Die Familie kam schließlich in ‚Schutzhaft‘, das Kaufhaus wurde demoliert.

Zum Weiterlesen: Kühn, Alfred: Die faschistischen Judenpogrome in Riesa, in: Sächsische Zeitung [Riesa] 43, 242 (13.10.1988), [o. S.]; 248 (20.10.1988), [o. S.]; Pätzold, Kurt; Runge, Irene: Pogromnacht 1938, Berlin 1988, S. 123 f.

Dresden – Berichte von Augenzeugen (6): Johannes Lenz

Zu den Augenzeugen, die die Ruine der am 9./10. November 1938 niedergebrannten Dresdner Synagoge sahen, gehörte auch der 1927 geborene Schüler Johannes Lenz.

Lenz besuchte die Rudolf-Steiner-Schule. Die Familie lebte in der Forststraße. 1955 wurde er zum Priester der Christengemeinschaft geweiht – wie sein Vater Eduard Lenz.

Die Ruine der Dresdner Synagoge

In seinen Erinnerungen schrieb Lenz über das Erlebte:

„Der morgendliche Weg auf dem Wanderer-Fahrrad zur Schule verlief von der Walpurgisstraße durch den Portikus an der Georgswiese vorbei zur Elbbrücke. Ich überquerte diese, um einzuschwenken und die am Ufer liegende Dreikönigsschule, an der die Elbe vorbeiströmte, zu erreichen. Bevor ich den Fluß erreichte, fiel immer wieder der Blick auf die Reste der Dresdner Synagoge. Genaues wusste ich nicht, ich hatte nur gehört, dass in der Nacht des 9. November 1938 die Synagoge niedergebrannt worden sei. Das Gotteshaus und Versammlungszentrum der jüdischen Gemeinde in Dresden niedergebrannt? Wer hatte das getan? Man munkelte, dass die Feuerwehren zwar gekommen seien, aber den Befehl gehabt hätten, nicht zu löschen und zuzuschauen. Konnte so etwas in Deutschland tatsächlich passieren? Was waren überhaupt Juden? Waren es nicht Deutsche, die lediglich zu einer anderen Gemeinde und einem anderen Gotteshaus gingen als wir […]. Fast an jedem Morgen wandte ich den Blick hinunter zu der Ruine. Seltsam sprach sie mich an. In der Empfindung verband sich mit dem Blick das Gefühl eines großen Unglücks, das sich zu drohendem Unheil auswachsen könne“ (Lenz, Johannes: Erinnern für die Zukunft. Eine Autobiografie, 2., durchges. Aufl., Stuttgart 2003, S. 63 f.).

Drohendes Unheil

Wie viele andere Zeitgenossen schilderte Lenz seine Wahrnehmung der Ereignisse so, dass er darin bereits drohendes Unheil ahnte. Mit dem Zweiten Weltkrieg und der Zerstörung Dresdens 1945 erfüllte sich diese erinnerte Vorhersage.

Nacht über Deutschland: Ein Dokumentarfilm (2013)

2013, im Jahr des 75. Jahrestages der Novemberpogrome im Deutschen Reich, drehte das ZDF den Dokumentarfilm ‚Nacht über Deutschland‘, der sich der Pogromgewalt annahm. Der Film, der durch nachgestellte Filmszenen ergänzt wurde – diese entstanden in Görlitz –, führte verschiedene Filmdokumente und Zeitzeugengespräche zusammen.

Die Dokumentation ist zur Zeit (08/2018) über Youtube verfügbar:

In diesem Jahr wird ebenfalls eine Dokumentation über die Pogrome in Mitteldeutschland erscheinen, die um den 9. November 2018 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen sein wird.

Die Rettung der Jüngsten: Die Kindertransporte (2)

Im Rahmen der sogenannten Kindertransporte wurden auch in Sachsen Kinder von ihren Eltern getrennt.

Transport von Dresden nach England

Zu ihnen gehörte die 1925 geborene Claire Ruth David aus Dresden. Sie erinnerte sich rückblickend, dass sie nach dem Pogrom für einen Transport nach England ausgesucht worden sei:

„Zwei meiner Schulfreunde gingen auch mit. Alles wurde extrem schnell organisiert. Wir begriffen kaum, was um uns herum geschah, und plötzlich verbrachte ich die letzte Nacht zuhause. Wie schlimm müssen sich meine Eltern in dem Wissen gefühlt haben, dass sie ihre Kinder vielleicht nie wiedersehen würden.

Nach meiner Ankunft in England verbrachte ich einige Wochen in einem Aufnahmelager in Dovercourt. Ich war unglücklich, weil ich von meinen zwei Schulfreunden getrennt worden war. Diese wurden nach Süden geschickt und ich wurde zu zwei alten Damen in Wallasey bei Liverpool gebracht. Sie waren sehr nett zu mir. Ich fing an, zur Schule zu gehen und Englisch zu lernen. Ich arrangierte mich mit meinen neuen Lebensumständen, vermisste aber mein Zuhause und meine Familie sehr und wartete voller Sorge auf Nachricht von ihr. Bis zum Ausbruch des Krieges schrieben wir uns regelmäßig. Danach hörte ich nie wieder etwas von ihnen“ (zit. im englischen Original in: Leverton, Bertha; Lowensohn, Shmuel (Hg.): I Came Alone. The Stories of the Kindertransports, Sussex 1990, S. 62).

Die Rettung der Jüngsten: Die Kindertransporte (1)

Zu den Betroffenen der Pogromgewalt zählten nicht nur die misshandelten und in die Konzentrationslager verschleppten Männer, sondern auch deren Familien. Die Gewalt, Zerstörung und Bedrohung erlebten gerade die als Juden verfolgten Kinder als hochtraumatische Ereignisse.

Flucht der Jüngsten

Auch, wenn die meisten westlichen Länder nach den Pogromen kaum etwas an ihrer Aufnahmepraxis änderten, lockerte zumindest England seine Einreisebeschränkungen insofern, dass vor allem die verfolgten Kinder davon profitierten.

Von Dezember 1938 bis September 1939 durften etwa 10.000 als Juden verfolgte Kinder ohne ihre Eltern aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen im Rahmen der sogenannten Kindertransporte auf die Insel kommen.

Weitere als Juden verfolgte Kinder kamen auch in Frankreich (600), den Niederlanden (1.500), Belgien (1.000), der Schweiz (300) und Schweden (450) unter; das US-Parlament lehnte ein entsprechendes Gesetz indes ab.

Die einzigen Überlebenden

Vierzig Prozent der Kinder, die Deutschland mit einem Kindertransport verließen, sahen ihre Eltern nie wieder und erfuhren oft erst nach dem Krieg – wenn überhaupt – etwas über deren Schicksal und Ermordung. Nicht selten waren sie die einzigen Überlebenden ihrer ganzen Familie.

Literaturhinweis: Göpfert, Rebekka: Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39. Geschichte und Erinnerung, Frankfurt am Main/New York 1999.

Pogrom und Bildung (3): Strukturen der Macht – eine Onlineausstellung von 2008/2009

Anlässlich des 70. Jahrestag der Novemberpogrome fand 2008/2009 die Ausstellung ‚Strukturen der Macht. Die Verfolgung Leipziger Juden 1938/39‘ im Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig statt. Die Ausstellung war der Verfolgung der Leipziger Juden mit Schwerpunkt auf die Jahre 1938 und 1939 gewidmet, in denen die Pogrome und ihre Auswirkungen für die Verfolgten zu spüren waren.

Eine digitale Ausstellung

Die Ausstellung führte verschiedene Unterlagen aus den Beständen des Leipziger Staatsarchivs und anderer Archive zusammen, die die Entrechtung und Gewalt dokumentierten. Heute können diese über die Homepage des Sächsischen Staatsarchivs abgerufen und für die Bildungsarbeit genutzt werden: http://www.archiv.sachsen.de/strukturen-der-macht-die-verfolgung-leipziger-juden-1938-39.html

Dazu gehören auch Fotografien, die die zerstörte Synagoge in der Gottschedstraße zeigen.

Strafverfolgung (3): Das Oberste Parteigericht der NSDAP deckt die Täter – Nachtrag

Bereits an früherer Stelle habe ich über die Befassung des Obersten Parteigerichts der NSDAP mit Pogromtaten geschrieben, dass selbst in den meisten Mordfällen keine oder nur disziplinarische Strafen verhängte.

Der Bericht des Gerichts

Im Bericht des Gerichts vom 13. Februar 1939 hieß es konkret über die Rolle von Joseph Goebbels:

„Darüber hinaus hat die letzte Hauptverhandlung in der Sache Schenk ergeben, daß der erste bekanntgewordene Fall der Tötung eines Juden, und zwar des polnischen Staatsangehörigen, dem Reichspropagandaleiter Pg. Dr. Goebbels am 10.11.1938 etwa gegen 2 Uhr gemeldet und dabei der Auffassung Ausdruck gegeben wurde, daß etwas geschehen müsse, um zu verhindern, daß die ganze Aktion auf eine gefährliche Ebene abglitte. Pg. Dr. Goebbels hat nach Aussage des stellvertretenden Gauleiters von München-Oberbayern sinngemäß darauf geantwortet, der Melder solle sich wegen eines toten Juden nicht aufregen, in den nächsten Tagen würden Tausende von Juden daran glauben müssen. In diesem Zeitpunkt hätten sich die meisten Tötungen durch eine ergänzende Anordnung noch verhindern lassen. Wenn dies nicht geschah, so muß aus dieser Tatsache wie aus der Äußerung an sich schon der Schluß gezogen werden, daß der schließliche Erfolg gewollt, mindestens aber als möglich und erwünscht in Rechnung gestellt wurde. Dann hat aber der einzelne Täter nicht nur den vermeintlichen, sondern den zwar unklar zum Ausdruck gebrachten, aber richtig erkannten Willen der Führung in die Tat umgesetzt. Dafür kann er nicht bestraft werden“ (Auszug abgedruckt in: Pätzold, Kurt (Hg.): Verfolgung Vertreibung Vernichtung. Dokumente des faschistischen Antisemitismus 1933 bis 1942, 4. Aufl., Leipzig 1991, S. 221).