BRUCH|STÜCKE-Ausstellung in Schkeuditz

Ab Sonnabend, dem 18. Mai 2019, ist der Teil Leipzig/Nordwestsachsen der Ausstellung BRUCH|STÜCKE – Die Novemberpogrome in Sachsen 1938 in Schkeuditz zu Gast. Zur Eröffnung wird um 15 Uhr in das Stadtmuseum geladen.

Neue Ausstellungstafel Schkeuditz

Zu sehen sind dabei nicht nur die 15 Ausstellungstafeln, die sich der Geschichte der Novemberpogrome und der daran beteiligten Menschen vor allem im Raum Leipzig annehmen. Vielmehr gibt es eine neue Tafel zu Schkeuditz selbst, die sich mit der Geschichte der Verfolgung vor Ort auseinandersetzt.

Eindeutige Belege für Pogromereignisse in Schkeuditz, so Hans Neubert, der Autor der neuen Tafel, seien zwar bislang nicht bekannt. Jedoch sei anzunehmen, dass es auch in Schkeuditz zu Pogromhandlungen kam. Die in der neuen Tafel vorgestellte Geschichte der als Jüdin verfolgten Geschäftsinhaberin Clara Klein deutet sich zumindest an.

Die Ausstellung kann zu folgenden Zeiten besucht werden:

Stadtmuseum Schkeuditz
(Ausstellungsteil Leipzig/Nordwestsachsen mit neuer Tafel zu Schkeuditz)
18. Mai bis 6. Juli 2019
geöffnet:
Mi./Do. 09:00-12:00 Uhr und 13:00-17:00 Uhr
Fr. 09:00-12:00 Uhr
Sa. 13:00-17:00 Uhr

Mühlstraße 50
04435 Schkeuditz


Ausstellungsteil Chemnitz/Südwestsachsen im März 2019 in Flöha

Vom 5. bis zum 29. März 2019 ist der Ausstellungsteil Chemnitz/Südewestsachsen von BRUCH|STÜCKE – Die Novemberpogrome in Sachsen 1938 in Flöha zu Gast.

Die Ausstellung kann im Foyer des Samuel-von-Pufendorf-Gymnasiums von Montag bis Freitag von 9:00 bis 15:00 Uhr besichtigt werden (um Anmeldung im Sekretariat wird gebeten).

Antisemitischer Protest in Flöha

In Flöha kam es am 10. November 1938 zu einer antisemitischen Protestaktion: Der NSDAP-Kreisleiter ließ die Parole „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ verbreiten. Antisemitische Übergriffe auf als Juden verfolgte Menschen sind darüber hinaus bislang nicht bekannt. Vielleicht ergeben sich mit der Ausstellung neue Forschungsinitiativen, die dieser und anderen Fragen nachgehen.

Ausstellungseröffnungen in Annaberg-Buchholz und Dresden

Übermorgen und am kommenden Dienstag werden die Teile Chemnitz/Südwestsachsen und Dresden/Ostsachsen der Ausstellung BRUCH|STÜCKE – Die Novemberpogrome in Sachsen an neuen Orten geöffnet. Ergänzt werden sie um jeweils eine neue lokale Tafeln.

Beide Ausstellungen sind öffentlich und können kostenfrei besucht werden.

Berufliches Schulzentrum für Ernährung, Technik und Wirtschaft des Erzgebirgskreises
(Ausstellungsteil Chemnitz/Südwestsachsen mit neuer Tafel zu Annaberg)
25. Januar – 15. Februar 2019
geöffnet werktags, Mo-Fr 08:00-16:00 Uhr

Bärensteiner Straße 2
09456 Annaberg-Buchholz

Sächsischer Landtag (Altbau), Fraktionsbereich B90/Die Grünen
(Ausstellungsteil Dresden/Ostsachsen mit neuer Tafel zu Dresden)
29. Januar – 31. März 2019
geöffnet werktags, Mo-Fr 09:00-18:00 Uhr
[zu den regulären Öffnungszeiten des Sächsischen Landtags; Achtung: Am Einlass zum Altbau muss ein gültiges Personaldokument vorgelegt werden]

Bernhard-von-Lindenau-Platz 1
01067 Dresden

Eröffnung: 29.01.2019, 17:00 Uhr [Einladungskarte]

Neue Publikationen (1): Kellerhoff, Ein ganz normales Pogrom, 2018

Anlässlich des 80. Jahrestags der Novemberpogrome erschienen auch mehrere neue Veröffentlichungen zu den Gewaltereignissen. Sven Felix Kellerhoff, ein ausgewiesener Fachmann für die Thematik, publizierte mit „Ein ganz normales Pogrom“ (Stuttgart: Klett-Cotta 2018) eine gut lesbare Mikrostudie, die sich dem Pogrom im kleinen Örtchen Guntersblum zwischen Mainz und Worms zuwendet.

Aufmerksam wurde Kellerhoff auf den Ort aufgrund von Fotos, die die Demütigung von sechs als Juden verfolgten Guntersblumern zeigen, die durch die Straßen getrieben und misshandelt wurden.

Parallelen zu Sachsen

Auch, wenn diese Studie sich nicht mit einem sächsischen Ort beschäftigt, so zeigt sie doch Parallelen zu den hiesigen Pogromereignissen: Auch in Sachsen wurden etwa in Bautzen oder in Wilthen als Juden verfolgte Menschen vor den Augen zahlreicher Zuschauer immer wieder körperlichen Übergriffen und Demütigungsritualen ausgesetzt.

Und wie in Guntersblum kam es auch hier oft zu Plünderungen, die teils schon kurz nach den Ereignissen durch NSDAP-Stellen untersucht und auch geahndet wurden – so etwa in Meißen. Die eigentlichen Strafverfahren folgten dann jedoch erst nach 1945. Diese weiter und genauer zu untersuchen, bleibt zukünftigen Forschungen vorbehalten.

Kellerhoffs Studie zeigt jedenfalls einmal mehr, dass sich die Pogrome eben nicht allein auf die Großstädte beschränkten, sondern gerade in den kleinen Orten aufgrund der persönlichen Nähe der dort Lebenden eine besondere Dimension besaßen. Nach 1945 oft verschwiegen, gehören sie inzwischen in vielen Fällen zum Bestandteil der lokalen Erinnerungskulturen.

In Guntersblum erinnern so unter anderem seit 2011 insgesamt 23 Stolpersteine an die NS-Verfolgten (S. 196).

Anm.: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es statt „Guntersblum“ fälschlich „Gundersblum“. Der Fehler ist nun behoben, herzlichen Dank für die diesbezügliche Rückmeldung.

Ein ‚falsches‘ Pogromfoto aus Leipzig – Nachtrag

Bereits an früherer Stelle habe ich eine Fotografie erwähnt, die ein brennendes Gebäude in Leipzig und die Feuerwehr im Einsatz zeigt. Oft wurde und wird (aktuell u. a. hier) dieses Foto genutzt, um die Pogromereignisse von 1938 ins Bild zu setzen. Bereits die Tatsache, dass auf dem Foto Schnee zu erkennen ist, zeigt aber, dass es zu einem anderen Zeitpunkt aufgenommen wurde.

Das Original liegt im Stadtarchiv Leipzig und wurde um 1940 von dem Fotografen Max Ellrich aufgenommen. Ellrich war Pressefotograf, wurde 1908 in Leipzig geboren und gilt seit 1943 als in der Sowjetunion vermisst.

Ort identifiziert

Gestern habe ich in Leipzig im Rahmen eines Vortrags über die Fotografien zum Leipziger Pogrom auch das falsch zugeordnete Foto besprochen. Tatsächlich gab es daraufhin aus dem Publikum einen Hinweis auf den möglichen Standort des Gebäudes, den ich inzwischen nachrecherchieren konnte. Das Foto zeigt demnach das 1855 errichtete Gebäude in der Seeburgstraße 47. Dort befand sich Ende der 1930er-Jahre die Papiergroßhandlung O. Th. Winckler. Zu sehen ist also ein Brand in dieser Firma.

Das inzwischen renovierte Gebäude dient heute als Studentenwohnheim der Universität Leipzig.

Die Novemberpogrome in Sachsen 1938 – Ein Blogprojekt im Rückblick

Seit Anfang November 2017 gab es auf dieser Seite für jeden Tag einen kleinen Beitrag, der einen Bezug zu den Novemberpogromen des Jahres 1938 und speziell den Pogromereignissen in Sachsen hatte: Biografien, Zeitzeugenberichte, Pogromgeschichten an einzelnen Orten, Quellen und Elemente der Erinnerungskultur nach 1945 wurden vorgestellt.

Kein Ende

Im Rückblick und in der Vorausschau steht heute fest, dass längst nicht alle Geschichten erzählt und Dimensionen der Pogrome erschlossen sind. In regelmäßigen Abständen wird es deshalb auch in Zukunft weitere Blogbeiträge geben. Das Projekt BRUCH|STÜCKE ist noch keineswegs abgeschlossen – es geht vielmehr weiter.

Ich bin auch in Zukunft für alle Hinweise und Anregungen zum Thema dankbar. Und nach wie vor haben die Geschichten der Menschen von 1938 für uns Menschen heute eine Botschaft.

Bruchstücke (1): Erinnerungen in Dresden

Zur Eröffnung der Ausstellung Bruch|Stücke – Die Novemberpogrome in Sachsen 1938 in Dresden Mitte Oktober 2018 war unter den Besuchern auch der 1934 in Dresden geborene Veit Ringel. Er lebte mit seiner Mutter in der Annenstraße.

Scherben auf dem Fußweg

Ein Ereignis prägte sich Veit Ringel ins Gedächtnis ein: An einem Tag, als er mit seiner Mutter auf der Prager Straße unterwegs gewesen sei, habe er viele Glasscherben liegen sehen. Seine Mutter sei mit ihm gar auf der sonst verbotenen Straße gelaufen- für den Jungen ein einprägsames Erlebnis. An mehr kann er sich jedoch nicht erinnern.

Später verband Ringel dieses Erinnerungsbruchstück mit dem Ereignis der Dresdner Pogromgewalt. Gerade auf der Prager Straße, das zeigen mehrere Augenzeugenberichte und Zeitungsartikel, waren am 10. November 1938 die Schaufenster ‚jüdischer‘ Geschäfte eingeschlagen worden. Ringel nimmt heute an, dass sich die Mutter selber habe ein Bild der Ereignisse machen wollen. Geredet habe man darüber aber kaum.

Gedenkjahr 2018 (12): Protest in Dresden

In den gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen gerade mit einem neu erstarkenden Nationalismus und neuen Formen der Menschenfeindlichkeit dient das Erinnern an die Novemberpogrome von 1938 auch als Mahnung, die Geschichte nicht zu vergessen.

Kunst als Protest

Neben dem Zentrum für politische Schönheit versuchen auch andere Kunstinitiativen, einen kreativen Umgang mit dem Rechtsruck und revisionistischen Tendenzen der Vergangenheitsdeutung zu finden. In Dresden luden Mitglieder der „Radical Performence Collective (RPC)“ in der Nacht zum 9. November 2018 vor einem Thor Steinar-Laden Glasscherben ab und entzündeten darauf Kerzen. Auf diese Weise solle den Betreibern, der in rechten Kreisen beliebten Kleidermarke, ihre historische Verantwortung sichtbar gemacht werden.

Mit dem zerbrochen Glas nimmt die Aktion deutlich Bezug auf die Ereignisse der Novemberpogrome, während derer auch in Sachsen hundertfach Schaufenster von Geschäften eingeschlagen wurden.

Gedenkjahr 2018 (11): Erinnerung an Hermann Fürstenheim

In Sachsen kamen am 10. November 1938 mindestens drei Menschen in direkter Folge der Pogromgewalt ums Leben. Neben Felix Benno Cohn und Rachmiel Preismann in Leipzig traf dieses Schicksal den Geschäftsführer des Chemnitzer Warenhauses Tietz, Hermann Fürstenheim.

Erinnern an die Menschen von 1938

Jürgen Nitsche, der sich intensiv mit der Geschichte der Juden in Mittweida, Chemnitz und Annaberg-Buchholz befasst, hat in der aktuellen Ausgabe des Amtsblatts der Stadt Chemnitz einen kleinen Beitrag zur Erinnerung an Fürstenheim verfasst. Der seit 1904 in Chemnitz lebende Fürstenheim wurde von vier SA- und SS-Männern in den Keller seines Hauses auf den Kaßberg gezerrt und dort mit mehreren Schüssen erschossen. Der Überfall und auch die Tat erfolgten ganz offensichtlich gezielt – ein vorsätzlicher Mord also. Strafrechtlich verfolgt wurden die Täter indes zunächst nicht, sondern lediglich vom Obersten Parteigericht der NSDAP verwarnt. Die Erosion des Rechtsstaats war zu dieser Zeit bereits zu weit fortgeschritten.

Nach 1945 musste nur einer der Täter für seine Tatbeteiligung ins Gefängnis. Ein Mittäter wurde mangels Beweisen freigesprochen. Die anderen mussten sich anscheinend nie vor Gericht verantworten.

Lit.: Nitsche, Jürgen: Erinnerung an einen Chemnitzer: Hermann Fürstenheim, in: Amtsblatt Chemnitz 29, 45 (09.11.2018), S. 5.

Jürgen Nitsche hat sich in einem weiteren Beitrag im Nachrichtenblatt der Jüdischen Gemeinde Chemnitz (Jüdisches Chemnitz, 9/2018) auch den weiteren Opfern des Novemberpogroms von 1938 zugewendet.

Gedenkjahr 2018 (10): Schändung

Stolpersteine gehören heute in Sachsen zum zentralen Bestandteil eines dezentralen Erinnerns an Menschen, die von den Nationalsozialisten als Juden, aber auch als Widerstandskämpfer, Zeugen Jehovas, wegen ihrer Behinderung oder psychischen Erkrankung oder als Homosexuelle verfolgt waren. Auch in Chemnitz wurden erst in diesem Jahr neue Steine verlegt.

Steine putzen

In vielen sächsischen Städten haben die Initiatoren der Stolpersteine – Vereine wie Privatpersonen – in den letzten Jahren die Praxis etabliert, die Steine am 9. November zu putzen, mit Kerzen sowie zusätzlichen biografischen Informationen zu versehen. In Chemnitz wurden aus Anlass des Pogromerinnerns Steine bereits am 8. November geputzt.

Schändung

Dieses Jahr wurden 13 der inzwischen 195 in Chemnitz verlegten Stolpersteine rund um den 9. November von Unbekannten beschmiert und nachhaltig beschädigt. Deutlich macht dies vor allem eins: Die Anfechtung einer historisch gewachsenen, das demokratische Grundverständnis nachhaltig mitprägenden Erinnerungskultur durch mutmaßlich auch in diesem Fall nationalistisch-rechte Kreise. Doch gerade gegen solche Übergriffe steht die Mahnung der Pogromgewalt und der nationalsozialistischen, menschenverachtenden Verfolgungspraxis: Wehret den Anfängen!