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Dresdner Rabbiner schwer misshandelt: Albert Wolf

Zu den als Juden verfolgten Männern, die ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt wurden, gehörte auch der Rabbiner Dr. Albert Wolf (1890-1951) aus Dresden. Wolf amtierte seit 1920 als Rabbiner. Am 10. November 1938 wurde er zusammen mit anderen Dresdner Juden festgenommen und ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt.

Bericht eines Augenzeugen

Wolf, der im Ersten Weltkrieg Kriegsdienst tat und als Hilfsrabbiner beim deutschen Heer wirkte, sah sich schweren Misshandlungen ausgesetzt. Ein Augenzeuge berichtete, „daß er den Rabbiner Dr. Wolf nicht wiedererkannt habe, da sein Gesicht blutig und geschwollen war“ (zit. in: Diamant, Adolf: Chronik der Juden in Chemnitz, heute Karl-Marx-Stadt. Aufstieg und Untergang einer jüdischen Gemeinde in Sachsen, Frankfurt am Main 1970, S. 105).

Erst 1939 wurde Wolf aus dem Lager Buchenwald entlassen. Er kam noch einmal für wenige Tage nach Dresden und emigrierte im Februar 1939 nach England. Später wirkte er in Chicago als Rabbiner (vgl. Hahn, Hugo: Kämpfer wider Willen. Erinnerungen des Landesbischofs von Sachsen D. Hugo Hahn aus dem Kirchenkampf 1933-1945, Metzingen 1969, S. 249).

Ein Brief von Nanda Krantz aus Dresden

Im Stadtarchiv Dresden (16.1.3 Nachlass Krantz, Nr. 379) finden sich Briefe von Nanda Krantz an den Sohn Helmut. Ferdinanda Krantz (1890-1943) war Hochschullehrerin am Conservatorium für Musik und Theater zu Dresden, das ihr Ehemann Curt Krantz leitete.

Verwandtschaft mit Reinhard Heydrich

Curt Krantz‘ Schwester Elisabeth war mit dem Opernsänger und Komponisten Bruno Heydrich verheiratet, aus deren Ehe Reinhard Heydrich entstammte, der Chef der Sicherheitspolizei und Hauptakteur während der Novemberpogrome. Sein Bruder Johannes Krantz (1870-1932) war dagegen mit der Jüdin Barbara (Boriska) Lobstein verheiratet, die im Konzentrationslager Auschwitz umkam.

Ein Brief an den Sohn

Am 13. November 1938 schrieb Nanda Krantz einen Brief an ihren Sohn Helmut (1917-1942), der ab 1936 als Soldat der neuen Wehrmacht diente und 1938 in Göttingen Mathematik studierte.

Darin hieß es mit Bezug auf die Pogromereignisse in Dresden:

„Bei uns hat auch das empörte Volk die Synagoge in Brand gesetzt und alle Geschäfte demoliert, die kleinsten wie die grössten. Die neue Verordnung macht ja nun endgültig Garaus mit den Juden in der ganzen Wirtschaft.“

Der Tenor des Briefes lässt sich keineswegs einfach deuten, scheint jedoch den Ausschluss der als Juden verfolgten aus dem deutschen Wirtschaftsleben zu befürworten. Curt Krantz jedenfalls pflegte ganz offensichtlich enge Kontakte zu Mitgliedern des Dresdner Verfolgungsapparates: In einem Brief an seine Ehefrau Nanda schrieb er im August 1939: „Gestern besuchte mich in meinem Dienstzimmer ein Kamerad, welcher die Aufsicht über die Dresdener jüdische Gemeinde hat. Er bat mich nächste Woch. einen Stoß Akten über die Juden und auch Freimann [?] durchzusehen. Bei unserer früheren Bekanntschaft mit Juden, glaube ich werden die Akten viel Interessantes enthalten.“

Ein Brief von Therese Wassermann in Dresden (3)

Der Brief Therese Wassermanns zog unter anderem eine Hausdurchsuchung und weitere Vernehmungen nach sich. Vernommen wurde auch im Februar 1939 durch die Gestapo-Außenstelle in Bautzen auch die 47-jährige Hedwig Richter, die bei Familie Wassermann in Bautzen gearbeitet hatte und die bei einem Besuch von den Bautzener Pogromereignissen berichtet hatte.

Bericht aus Bautzen

Richter erinnerte sich bei ihrer Vernehmung, was sie Therese Wassermann erzählt hatte:

„Dabei habe ich ihr erzählt, daß sie froh sein könne, daß sie zu dieser Zeit nicht mehr in Bautzen war, denn ich hätte gesehen, daß verschiedene Bautzner Juden, darunter auch Frau Hamburger, durch die Reichenstraße geführt worden seien. Es ist auch möglich, daß ich ihr gegenüber davon gesprochen habe, daß bei Bockelmann*, Bautzen, die Schaufensterscheibe eingeschlagen worden war. Ob ich ihr dies erzählt habe, weiß ich aber nicht mehr genau. Von diesen Vorkommnissen in Bautzen war Frau Wassermann aber bereits unterrichtet. […] Weiteres über die Vorkommnisse gegen die Juden in Bautzen habe ich Frau Wassermann nicht erzählt. Ich habe nur das erzählt, was ich zufällig gesehen hatte.“

* Wohl Firma Bokelmann Nachf.

Ein Brief von Therese Wassermann in Dresden (2)

Der Brief von Therese Wassermann an ihren Sohn Willy schilderte allerdings nicht nur die Bautzener Pogromereignisse: Vielmehr schildert er auch die weitere Verfolgungsmaßnahmen des nationalsozialistischen Regimes gegen die Familie.

Emigrieren oder Bleiben?

Ihrem Sohn Willy gegenüber klagte Wassermann nach den Pogromen ganz offen: „[E]ine Ahnung vom Kommenden hätte ich haben müßen, dann wäre ich im vorigen Jahr gar nicht mehr hier her gefahren, aber wer konnte das ahnen.“ Damals hatte sie sich 14 Tage zu Besuch bei Willy und dessen Frau Alice in Amsterdam aufgehalten – sich aber gegen die Emigration entschieden. Bei ihrer Vernehmung gab sie ebenfalls an, ihre Ausreise nicht zu planen.

Pogromereignisse in Bischofswerda?

Interessant ist noch eine weitere Information: Wassermann, die in Dresden auf Vermittlung der Jüdischen Gemeinde bei der Familie Brieger untergekommen war, erlebte in Dresden auch den Besuch eines aus dem Konzentrationslager entlassenen Verfolgten: „Der Jude Michel aus Bischofswerda, der mich bei Briegers besuchte, erzählte mir, daß aus gesundheitlichen Gründen in Buchenwald das Haar der Insassen kurz geschoren wurde. Er war selbst von dort gekommen. Meine Worte mit der Entledigung der Bärte hat er wahrscheinlich auch mit erzählt.“ Es ist dies ein erster Hinweis darauf, dass möglicherweise auch als Juden verfolgte Menschen aus Bischofswerda im November 1938 verhaftet wurden (zumindest für 1924 lässt eine erste Adressbuchrechereche den Namen Hermann Michel nachweisen).

Ein Brief von Therese Wassermann in Dresden (1)

Am 6. Dezember 1938 schrieb Therese Wassermann aus Dresden einen Brief an ihren bereits nach Amsterdam emigrierten Sohn Willy. Der Brief der 77-jährigen und als Jüdin verfolgten Witwe wurde von der Polizei gelesen und beschlagnahmt. Gegen Wassermann, die erst Anfang Oktober 1938 von Bautzen nach Dresden umgezogen war, wurden Ermittlungen eingeleitet.

Bezug zu den Pogromereignissen in Bautzen

In dem Brief hatte Wassermann unter anderem über die Pogromereignisse in Bautzen geschrieben, von denen sie erfahren hatte. Sie nutze dabei zahlreiche Abkürzungen:

„[D]aß die paar Bautz[ner] J[uden] durch die Stadt , eine Plakette umgeh. mit ‚J[ude]‘ durchziehen mußten, voran Frau Sussm[ann] mit einer Klingel, schrieb ich Euch wohl.* Hs.** waren gerade im Begr[iff] nach Bunzlau zu fahren, hat man das Auto demol[iert], ihn festgen[ommen] & sie so zur Fahrt angezogen, die Tasche mit Furage an der Hand in die Reihe gestellt*** & gestern stand hier in der Zeit.[ung], daß die Hartpappenfabr[ik] Neudorf (Altmann) ganz & gar morgens um 4 Kurzschl[uss] abgebrannt sei & ich glaube der Dr. Ing. [Altmann] & seine 2 Neffen, die Söhne von Frau Ehrl.****, sitzen noch – die, die zurückkommen sind kahl geschoren & der Bärte entledigt“ [HStA Dresden, 11027 Sondergericht Freiberg, Nr. 3 Js/SG 177/39).

* habe sie von ehemaliger Stütze Hedwig Richter, in Bautzen whft. Reichenstr. 15, Polin, und anderen Bautzner Juden gehört

** Hamburgers; Bautzen, Wallstr. 8, Sohn von Pollack habe Grete Hamburger geheiratet, nun New York; Scheiben des Autos seien eingeschlagen worden

*** habe so Umzug mitmachen müssen, was andere Juden und die Richter erzählt hätten

**** Ehrlich, Bautzen

Der Brief bildet eines der seltenen überlieferten persönlichen Zeitdokumente der Verfolgten und liefert zugleich wertvolle Hinweise zu den Bautzner Pogromereignissen und den dabei gedemütigten wie misshandelten als Juden verfolgten Menschen.

Kahl geschoren

Therese Wassermann gibt in ihrem Schreiben auch Kenntnis davon, wie sie verfolgte Männer erlebte, die aus den Konzentrationslagern zurückkehrten – nämlich kahl geschoren und damit in den städtischen Gesellschaften auch Wochen nach den Pogromen noch für alle sichtbar.

Das Verfahren gegen Wassermann stellte das Sondergericht Freiberg im April 1939 ein, da ein Vergehen nach dem Heimtückegesetz von 1934 nicht nachweisbar sei.

Die ‚Polenaktion‘ (3): Forschung und Öffentlichkeit

In ihrer Bedeutung als wichtiger Baustein in der Vorgeschichte der Novemberpogrome hat die ‚Polenaktion‘ in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit erlang.

Publikation und Ausstellung

Aktuelle thematisiert dies etwa ein Beitrag auf SPIEGEL ONLINE, der die Verbindung zwischen der Ausweisung polnischer Juden Ende Oktober und den Pogromen knapp zwei Wochen später zieht. Das ZDF-Magazin Frontal 21 widmete dem Ereignis einen kurzen Beitrag in seiner letzten Sendung (23.10.2018).

Die Ausstellung AUSGEWIESEN! Berlin, 28.10.1938. Die Geschichte der „Polenaktion“, die seit Sommer diesen Jahres im Centrum Judaicum in Berlin zu sehen ist und noch bis zum 30. Dezember 2018 läuft, stellt das Ereignis in den Mittelpunkt (siehe dazu: Bothe, Alina/Pickhan, Gertrud (Hg.): Ausgewiesen! Berlin, 28.10.1938. Die Geschichte der „Polenaktion“, Berlin [2018]).

Die ‚Polenaktion‘ in Sachsen: ReMembering

Auch das Leipziger Netzwerk ReMembering wendete sich in diesem Jahr der ‚Polenaktion‘ zu: In einem Workshop „Entrechtet über Nacht“, der von Februar bis Juni 2018 angeboten war, stand neben dem Pogrom auch die Abschiebung der polnischen Juden im Zentrum.

Film zum Abriss der Dortmunder Synagoge im Oktober 1938

Dass im Deutschen Reich 1938 bereits mehrere Synagogen der antisemitischen Zerstörungswut der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, habe ich bereits in einem früheren Beitrag geschildert.

Ein Filmdokument

Über die Enteignung und den Abriss der Dortmunder Synagoge im September und Oktober 1938 haben die Ruhr Nachrichten heute einen umfangreichen Beitrag auf ihre Homepage gestellt, der vor allem die Rolle des Hauptverantwortlichen, der NSDAP-Kreisleiter Friedrich Hesseldieck, rekonstruiert (der Beitrag steht nach Anmeldung auf der Homepage der Ruhr News kostenfrei zur Verfügung). Bei der richterlichen Untersuchung des Vorgangs nach 1945 wurde Hesseldieck trotz offensichtlicher Beweise freigesprochen.

Neben Bildmaterial ist in dem Beitrag auch ein zeitgenössisches Filmdokument verlinkt, das den Abriss der Synagoge zeigt und gegenwärtig (28.10.2018) auch über Youtube abgerufen werden kann.

Die ‚Polenaktion‘ (2): Sachsen

Die ‚Polenaktion‘ traf auch die in Sachsen lebenden Juden polnischer Herkunft. Auch sie wurden ab dem 27. Oktober 1938 aus ihren Wohnungen geholt, in Sammelstellen gebracht und dann meist per Zug an die deutsch-polnische Grenze gebracht. Vielfach unter Androhung von Gewalt wurden sie dann ins Niemandsland getrieben.

Zwickau und Chemnitz

In Zwickau traf dieses Schicksal 73 polnische Juden, die mit drei Autobussen nach Chemnitz gefahren. Von dort wurden sie zusammen mit zahlreichen Chemnitzer Betroffenen mit dem Zug nach Beuthen gefahren und mussten zu Fuß die Grenze überqueren (vgl. Tomaszewski, Jerzy: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938, Osnabrück 2002, S. 121).

Dresden und Leipzig

In Dresden begannen die Ausweisungen schon in den Abendstunden des 27. Oktober. In Leipzig war da zunächst nur der Befehl bekannt, der am Folgetag umgesetzt wurde (ebd., S. 127). Da aus der Messestadt etwa ein Drittel der Gemeindemitglieder von den Abschiebungen betroffen war, bedeutete das Ende zahlreicher orthodoxer jüdischer Gemeinschaften (ebd., S. 133).

Aderlass der Jüdischen Gemeinden

Nach den Angaben des polnischen Historikers Jerzy Tomaszewski trafen die Ausweisungen die sächsischen jüdischen Gemeinden hart. Insgesamt seien 2.804 Personen deportiert worden. Betroffen hätte es in den Polizeidirektionen Dresden 90, in Leipzig 50 und in Chemnitz 78 Prozent der dort lebenden polnischen Juden (ebd., S. 133). Zahlreiche der von den Ausweisungen betroffenen Menschen suchten Schutz im polnischen Generalkonsulat in Leipzig, auch solche aus Dresden und Chemnitz. Am 29. Oktober werden die Ausweisungen dann gestoppt und am 2. November beendet (ebd., S. 159, 170).

Die ‚Polenaktion‘ (1): Einführung

Ab dem 27. Oktober 1938, also heute vor 80 Jahren, erhielten mehrere Tausend polnischstämmige Juden im Deutschen Reich Ausweisungsanordnungen. Zwischen dem 27. und 29. Oktober wurden etwa 15.000 bis 17.000 Personen im Rahmen der sogenannten ‚Polenaktion‘ über die polnische Grenze getrieben. Oft wurden sie aus ihren Wohnungen herausgeholt und ohne, dass sie ihre Ausreise hätten vorbereiten können, zusammengeführt und unter anderem mit Zügen zur östlichen Reichsgrenze deportiert.

Ein polnisches Gesetz gegen die Rückwanderung

Auslöser für die ‚Polenaktion‘ war ein polnisches Passgesetz von Ende März 1938, dass die Aberkennung von polnischen Pässen ermöglichte, wenn sich Personen länger als fünf Jahre im Ausland aufhielten. Die betraf etwa 50.000 polnischstämmige Juden im Großdeutschen Reich. Dass Anfang Oktober 1938 zur Umsetzung des Gesetzes geschritten und die sich in Deutschland aufhaltenden Personen mit polnischem Pass dazu aufgefordert wurden, einen Kontrollvermerk in ihre Dokumente stempeln zu lassen, da diese sonst automatisch zum 30. Oktober 1938 ihre Gültigkeit verlieren würden, löste die ‚Polenaktion‘ aus.

Abgeschoben aus Hannover

Unter den Abgeschobenen befand sich auch die Familie des im Pariser Exil lebenden Herschel Grynszpan. Mit seinem Attentat auf den Diplomaten Ernst vom Rath in Paris wollte er ein Zeichen setzen. Die Nationalsozialisten nutzen das Ereignis, um reichsweit Pogrome gegen die als Juden verfolgten Menschen und ihren Besitz in Gang zu setzen.

Literaturhinweis: Tomaszewski, Jerzy: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938, Osnabrück 2002.

Zur ‚Polenaktion‘ zuletzt u. a. Frontal 21 (23.10.2018): https://www.zdf.de/assets/manuskript-abgeschoben-1938-100~original

Pogromerlebnisse außerhalb von Sachsen: Auguste Lazar aus Dresden – Ein Nachtrag

Was Auguste Lazar, die aus Dresden stammte und im November 1938 in Wien ihre Verwandten besuchte, in der Donaustadt erlebte, notierte sie später in ihren Lebenserinnerungen, die ich heute einsehen konnte.

Der Nachtmahr

Darin heißt es zu den Wiener Pogromereignissen:

„Jetzt war er da, der Nachtmahr, der Alb. Am hellen Tage war er da und ließ keinen von uns mehr los. Am 7. November war in Paris ein Attentat auf ein Mitglied der deutschen Botschaft verübt worden. Dies nahmen die Nazis zum Anlaß, in ihrem ganzen Machtbereich einen groß angelegten Pogrom zu inszenieren. Mehr oder weniger künstlich wurde überall der ‚Volkszorn‘ gegen die Juden entfacht. Nirgends mit größerem Erfolg als in Wien. Ich will die Greuelszenen nicht schildern, die sich auf Straßen und Plätzen abgespielt haben, die Plünderung unzähliger Geschäfte, die Überfälle auf Wohnungen, aus denen Juden ‚geholt‘ wurden, oder auf Passanten, die unter dem Hohngelächter uniformierter und nichtuniformierter Rowdies auf den Knien die Straßen scheuern mußten, von Stößen und Stockhieben getrieben. Unter irgendwelchen Vorwänden, manchmal auch ganz ohne Vorwand wurden zahllose Verhaftungen vorgenommen. Die Gestapo nahm ihre schmutzige Arbeit in größtem Umfang auf. Massentransporte in die Konzentrationslager setzten ein, vor allem nach Dachau“ (Lazar, Auguste: Arabesken. Aufzeichnungen aus bewegter Zeit, Berlin 1957, S. 252).

Tief geprägt

Besonders erschütterte Lazar eine Szene: „Vor einem Geschäft, dessen Schaufenster über und über mit roten Aufschriften beschmiert war: Jüd! Jüd! Jüd! stand ein kleiner Junge mit einem Schulranzen auf dem Rücken. Die Farbe war noch feucht. Der Junge fuhr mit dem Zeigefinger hinein und malte unter jedes J, das er erreichen konnte, rote Tropfen. ‚Wie Blutstropfen‘, sagte er befriedigt vor sich hin“ (ebd., S. 252 f.).

Schutz von Ausländern

In ihren Erinnerungen schildet Lazar auch, dass die ausländischen Konsulate in Wien ihre Staatsangehörigen mit „Anstecknadeln in Form von kleinen Flaggen in den betreffenden Landesfarben versorgt, damit sie unbehelligt blieben“ (ebd., S. 252). Tatsächlich, so auch die Anweisungen an Sicherheitspolizei und lokale Pogromakteure, sollten ausländische Juden unbehelligt bleiben. In der Praxis wurde jedoch auch diese Grenze vielfach überschritten und nicht beachtet.