Berichte der Exil-SPD über die Pogromgewalt und ihre Folgen (3)

Auch die Berichte über die Gewaltexzesse gelangten bis zu den Redakteuren der Deutschland-Berichte der Exil-SPD (o. A.: Die Judenverfolgungen, in: Deutschland-Berichte [der Sozialdemokratischen Partei] 6 (1939), 7, S. 898–940).

Mord in Chemnitz, Demütigungen in Leipzig, ‚Umzug‘ in Bautzen

Dazu heißt es unter anderem: „In Chemnitz wurde ein Mann in seinem eigenen Haus erschossen, und der Rabbiner wurde geschlagen und ernsthaft verwundet, als er versuchte, die heiligen Bücher aus der brennenden Synagoge zu retten. […] In Leipzig hat man eine Gruppe verhafteter Männer zu einem Kanal geführt und sie mit Erschießen bedroht, wenn sie nicht ins Wasser sprängen. Aber die Schreie der Frauen aus den benachbarten Häusern beendeten dieses ‚Spiel‘. In Bautzen, wo nur noch etwa ein Dutzend jüdischer Familien leben, wurden alle Frauen und Männer gezwungen, den ganzen Tag über auf offener Straße vor einem ihrer Häuser zu stehen. Sie trugen Schilder um den Hals und wurden durch judenfeindliche Lieder und Rufe verhöhnt“ (S. 922).

Selbsttötungen

Ein interessantes Feld scheint es, den in den Sopade-Berichten erwähnten, allerdings anonymisierten Selbsttötungen nachzugehen. Genannt werden etwa der Suizid der Ehefrau und Tochter eine Verfolgten in Chemnitz, die sich mutmaßlich einen Tag nach der Verhaftung des Mannes mit Gas töteten (S. 923). „In Plauen hat sich ein Mann an dem Tage erhängt, an dem ich [der Berichterstatter – Anm. DR] diesen Ort besuchte. Er war am Tage zuvor aus dem Konzentrationslager zurückgekehrt. Die Schwierigkeit der Situation wird durch die Tatsache illustriert, daß die nötigen Papiere für die Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof nicht zu erhalten waren, weil alle Rabbiner und Gemeindebeamten den Ort verlassen hatten“ (S. 923).

Die Rückkehr aus den Lagern

Auch über den Zustand der aus den Lagern entlassenen Männer war die Sopade-Redaktion informiert. Diese kämen verwundet,, mit zerrissener Kleidung zurück. In Chemnitz hätten mindestens vier Frauen die Anfrage erhalten: „Wo wünschen Sie die Asche Ihres Mannes ausgeliefert zu erhalten?“ (S. 924) – die Männer waren also im Konzentrationslager umgekommen. Tatsächlich sind die Namen von drei Verfolgten aus Chemnitz und einem aus Aue bekannt, die im Konzentrationslager Buchenwald starben.

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