Pogrom im Roman (4): Helga Kaden

Auch die Pogromereignisse in kleineren sächsischen Orten wurden in Einzelfällen in literarischen Werken thematisiert. Helga Kadens eng an die eigene Biografie angelegter Roman ‚Stark wie der Tod. Eine Liebe in dunkler Zeit‘ (Chemnitz 2014) enthält so auch einen, allerdings teilweise fiktiven Bericht über Pogromereignisse im erzgebirgischen Annaberg.

Der Bericht von Alfred

Darin heißt es: „Alfred kam am 10. November von einer Besprechung aus Annaberg heim und berichtete völlig aufgewühlt, was er hatte mit ansehen müssen. Die großen Schaufenster jüdischer Geschäfte lagen allesamt zerschlagen auf der Straße. Die Schaufensterpuppen stierten mit verrenkten und abgeschlagenen Gliedern durch die Fensterlöcher. Rote Farbe war über alle Auslagen ausgegossen worden, Stoffballen aufgerollt, Bettwäsche zerfetzt, Handtücher beschmutzt. Er konnte nicht fassen, was er da sah. An den Eingängen standen braun Uniformierte und hinderten etwaige Käufer, die Geschäfte zu betreten. Riesige Plakate warnten: ‚Deutsche kaufen nicht beim Juden!‘

Durch die zerschlagenen Fensteröffnungen konnte man ins Innere sehen. Lebensmittel und Stoffangebote waren durcheinander geworfen. Das Grauen erfasste ihn, als er einen Ballen herrlicher grüner Seide in einem Fleischsalatfass stecken sah. Butter, Mehl und Zucker waren über Wintermäntel und Jacken ausgekippt. Ein normaler Mensch konnte das alles nicht ertragen. Die Synagoge auf der Buchholzer Straße war verwüstet, die Grabsteine des jüdischen Friedhofes wurden umgestürzt und zerschlagen. Die Feierhalle sprengte man in die Luft. Völlig verzweifelt schlug Alfred die Hände vors Gesicht: ‚Und so viele Menschen stehen dabei und gaffen. Man könnte meinen, das grausame Schauspiel ist ihnen lustvolle Abwechslung.‘“ (S. 147 f.).

Kaden nahm die tatsächlich am 10. November 1938 erfolgte Sprengung der Trauerhalle auf dem Annaberger Jüdischen Friedhof und die mutmaßliche Verwüstung der ehemaligen Betstube mit in ihr Buch auf. Für die Beschreibung der Geschäftszerstörungen griff sie jedoch auf besser dokumentierte Übergriffe an anderen Orten zurück. In ihrer eigenen Familie hatte ihr Großvater die Demolierung des Schocken-Kaufhauses in Auerbach erlebt.

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