„Natürlich stirbt er“ – Mutmaßungen unter den Verfolgten

Zu den Menschen, die dem nationalsozialistischen Regime etwas entgegen zu setzen suchten, gehörte Ruth Andreas-Friedrich (1901-1977) in Berlin. Zu ihren Bekannten zählte auch der ehemalige Schriftleiter des Ullstein-Verlags Heinrich Mühsam (1900-1944).

Ein orchestriertes Attentat?

In ihrem Tagebuch notierte Andreas-Friedrich am 8. November 1938 das Attentat Grynszpans an vom Rath in Paris und verschiedene Munkeleien über eine ‚Rache der Juden‘ wie einen möglichen homosexuellen Hintergrund der Tat.

Einen Tag später hielt sie ein Gespräch mit Heinrich Mühsam fest, das deutlich macht, dass die als Juden verfolgten Menschen dem nationalsozialistischen Regime zutrauten, das Attentat lediglich inszeniert zu haben. Auf diese Weise, so die Annahme, sollte ein nationalsozialistischer Märtyrer geschaffen werden, der den Anlass für weitere antisemitische Aktionen geboten hätte.

Andreas-Friedrich schrieb: „‚Wird er sterben?‘ frage ich ihn [d. i. Mühsam]. ‚Und wenn er stirbt, was dann?‘ – ‚Natürlich stirbt er. Sonst hätte das Ganze ja keinen Wert. Um ihn zu rächen, muß man erst um ihn weinen. Je größer die Trauer, desto fanatischer der Haß. […] Kein Zweifel: der jüdische Krieg steht vor der Tür. Ich für meinen Teil gedenke Pazifist zu bleiben. Mehr als sterben kann auch ein Jude nicht.‘“ (zit. in: Andreas-Friedrich, Ruth: Der Schattenmann. Tagebuchaufzeichnungen 1938-1945, Berlin 1947, S. 28).

Der Pogrom bricht los

Nur einen Tag darauf (10.11.1938) findet sich im Tagebuch der Hinweis, dass sich die Pogromgewalt nunmehr Bahn gebrochen habe und die Juden wie Hasen gejagt würden. In Folgeeintragungen sind Verhaftungen und Versuche der Verfolgten, sich zu verstecken, thematisiert.

Ruth Andreas-Friedrichs Entschluss, ihr Tagebuch (‚Der Schattenmann‘) später zu veröffentlichen sei ihr angesichts der Pogromereignisse gekommen.

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