Eine Bußtagsfürbitte im Herbst 1938

Im Herbst 1938 stand die Führung der Bekennenden Kirche unter starkem politischenDruck. Gleichwohl erfolgte für den Buß- und Bettag (16.11.1938) der Vorschlag, mit einem kleinen Absatz innerhalb des Fürbittengebets auch der als Juden verfolgten Menschen zu gedenken.

Eine Fürbitte

Darin hieß es:

„Nimm Dich der Not aller der Juden in unserer Mitte an, die um ihres Blutes willen Menschenehre und Lebensmöglichkeiten verlieren. Hilf, daß keiner an ihnen rachsüchtig handle. Mache uns barmherzig, damit wir Barmherzigkeit erlangen. Insonderheit laß das Band der Liebe zu denen nicht zerreißen, die mit uns in demselben teuren Glauben stehen und durch ihn gleich uns deine Kinder sind“ (zit. nach: Niesel, Wilhelm: Kirche unter dem Wort. Der Kampf der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union 1933-1945, Göttingen 1978, S. 189).

Der Beschluss zur Aufnahme eines Passus für die Verfolgten in die Gottesdienstordnung war bereits am 5. Oktober gefallen. Die Bekennende Kirche und die Pfarrer in den Ortsgemeinden sahen sich nach den Pogromen allerdings mit gänzlichen neuen Umständen konfrontiert. Der Text machte wohl auch deshalb Konzessionen an das nationalsozialistische Regime: Mit der Aufnahme des Wortes „rachsüchtig“ begab er sich ins Fahrwasser der offiziell propagierten Deutung, dass die Pogromgewalt ein ‚spontaner‘ Akt des ‚Volkszorns‘ und als solcher gerechtfertigt sei. Zudem richtete sich die Fürbitte besonders stark an als Juden verfolgte Christen.

Umgang mit dem Textpassus am Buß- und Bettag

Vermutlich hielten sich nicht viele Pfarrer in den Bußtagsgottesdiensten an den Text und Geist der Fürbitte, da sie durchaus Konsequenzen fürchten mussten. In wieweit die Fürbitte in den sächsischen Kirchen verlesen wurde, ist mir bislang nicht bekannt. Dass zumindest im Einzelfall Pfarrer in ihren Gottesdiensten gegen die Verfolgung und Pogromgewalt protestierten, zeigt das Beispiel der Silvesterpredigt des Tannenberger Pfarrers Johannes Ackermann.

Weiterführende Literatur zum Umgang der Kirche mit den Judenverfolgungen in dieser Zeitphase u. a.:

Büttner, Ursula: Von der Kirche verlassen: Die deutschen Protestanten und die Verfolgung der Juden und Christen jüdischer Herkunft im „Dritten Reich“, in: Büttner, Ursula; Greschat, Martin: Die verlassenen Kinder der Kirche. Der Umgang mit Christen jüdischer Herkunft im „Dritten Reich“, Göttingen 1998, S. 15–69.

Röhm, Eberhard; Thierfelder, Jörg: Juden, Christen, Deutsche, 1933-1945, Bd. 2, 2, Stuttgart 1992.

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