Vor dem Pogrom (1): Hugo Hahn und die Juden in Dresden

Einer der engagiertesten Kämpfer der sächsischen Bekennenden Kirche war der Dresdner Superintendent und Pfarrer der Frauenkirche, Hugo Hahn (1886-1957).

Die ‚Judenfrage‘ als Last

In seinen Erinnerungen (Hahn, Hugo: Kämpfer wider Willen. Erinnerungen des Landesbischofs von Sachsen D. Hugo Hahn aus dem Kirchenkampf 1933-1945, Metzingen 1969) ging er auch auf die Verfolgung der Juden ein.

So schrieb Hahn: „Schwerer […] wirkte auf mich und die bekenntnistreuen Brüder im ganzen Reich die Judenfrage. Der fanatische Judenhaß der Partei und die daraus erwachsenden Verfolgungen stellte uns in Gewissensentscheidungen. Ich war bisher alles andere als judenfreundlich gewesen. Wir hatten bei unseren Einkäufen jüdische Geschäfte gemieden. Aber ich empfand die Formen des Judenboykotts [von 1933] als unchristlich und verwerflich. Nun ging ich aus Mitleid und Protest gerade in jüdische Geschäfte. Es war rührend, wie sie sich dort freuten und nett zu uns waren. Noch tiefer bewegte uns ein anderes kleines Erlebnis. Unsere Kinderschwester Hanna [Langer] hatte einer jüdischen Familie, die in der Nähe unseres Kindergartens wohnte, erlaubt, daß deren kleine Kinder in einer Ecke des Gartens still für sich spielen durften. Sie erzählte uns, wie namlos glücklich Mutter und Kinder darüber wären. Wie schnitt uns das ins Herz, obwohl es sich ja nur um erste Anfänge des Grauens der späteren Judenverfolgungen handelte!

Dann begann die Geschichte mit dem Arierparagraphen, die Verdrängung der Juden aus dem öffentlichen Leben. Daß sich die Juden viel zu weit in alle möglichen Berufe und Stellungen vorgedrängt hatten und wirkliche Schäden vorlagen, gaben wir zu. Aber die allem Recht hohnsprechende Art wie das nun bekämpft wurde und wie dadurch namenloses Elend über viele Menschen kam, empörte uns aufs tiefste. Ich fühlte mich und unsre ganze Kirche mitschuldig an diesem großen Unrecht. Ich habe den jüdischen Rabbiner in Dresden aufgesucht, um ihm meine und vieler Christen Teilnahme zu bezeugen. Er war dankbar für den Besuch. Leider mußte ich ihm bekennen, daß wir praktisch nur wenig tun könnten, weil wir selbst schon im Kampf in der Defensive stünden und ganz ohne Einfluß auf die führenden Kreise wären. Aber ich empfand schon damals und empfinde auch heute die große Schuld unseres Schweigens zum Unrecht gegen die Juden.

Schlimm war für uns das Übergreifen der Judenbekämpfung auf das Gebiet der Kirche. Ich denke an die Angriffe gegen das Alte Testament und die alttestamentlichen Ausdrücke in der Liturgie und im Gesangbuch wie: Amen, Halleluja, Herr Zebaoth, Zion, Abrahams Samen usw. Zu einer brennenden Frage wurde das alles durch die Übertragung des Arierparagraphen auf die Kirche. Unser DC-LKA* stellte den Grundsatz auf: In einer deutschen Kirche dürfte der Gemeinde nicht zugemutet werden, sich von jüdischen Pfarrern bedienen zu lassen. Das war für mich und viele Christen eine Verletzung unsres christlichen Glaubens: ‚Hier ist kein Jude noch Grieche, denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu‘ (Gal. 3, 28; Röm. 10, 12). Nach diesem Grundsatz wäre weder Paulus noch sonst ein Apostel, ja nicht einmal der Herr Christus selber als Verkündiger in einer deutschen Kirche zu dulden. Dabei konnte von keinem Notstand einer Überfremdung geredet werden. In Sachsen gab es unter 1300 Pfarrern nur zwei Halbjuden und einen Volljuden. Letzterer war sogar ein eifriger DC. Es hat ihm aber nichts genützt.

Beinahe noch ärger war es, daß nun auch sonst ganz brave Leute daran Anstoß nahmen, daß einzelne Judenchristen an den Gottesdiensten teilnahmen. So beschwerten sich z. B. einige bei mir über eine jüdische Frau, deren Anwesenheit in der Bibelstunde sie verletzte. Sie konnten nicht begreifen, was ich ihnen dazu sagte. Das bewies mir schlagartig, wie ernst die Lage der Kirche durch die NS-Propaganda geworden war. Jene jüdische Frau, die in ihrer bescheidenen Art sofort bereit war, der Bibelstunde fernzubleiben, war hocherfreut, als ich ihr kategorisch erklärte, sie habe dasselbe Recht wie jeder andere zu kommen, solange ich Pfarrer an der Frauenkirche sei“ (S. 30-32).

* Deutsche Christen-Landeskirchenamt

Ausgewiesen

Hahn selbst erlebte die Novemberpogrome von 1938 nicht mehr in Sachsen. Am 12. Mai 1938 war er wegen seiner bekenntnistreuen Haltung des Landes verwiesen worden. Gleichwohl erwähnt er den Pogrom:

„Aber in diese Tage (9.11.1938) fiel das grauenhafte Ereignis der Judenpogrome, das Niederbrennen der Synagogen, das Zerstören jüdischer Geschäfte, die ‚Kristallnacht‘. Wir waren aufs tiefste erschüttert. [Sohn] Hans erzählte, daß er die Abführung zweier jüdischer Männer durch die SS gesehen habe. Es brannte in unsern Herzen das Gefühl, daß man sich dagegen wehren müsse, aber bis heute schämen wir uns, daß nichts geschehen ist“ (S. 193).

Nach dem Krieg unterzeichnete Hahn als Vertreter der sächsischen evangelisch-lutherischen Kirche das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 mit.

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