Pogrom|Gewalt (2): Die „Sudetenkrise“ im Spätsommer 1938

Um frei von den Entwicklungen in Mitteleuropa berichten zu können, ging der Journalist George Eric Rowe Gedye nach dem ‚Anschluss‘ Österreichs im März 1938 nach Prag.

Die ‚Sudetenkrise‘

In der Tschechoslowakei wurde Gedye Zeuge der Ereignisse der vom nationalsozialistischen Deutschland geschürten Krise um das sogenannte ‚Sudetenland‘, das schließlich nach dem Münchner Abkommen ins Deutsche Reich eingegliedert wurde.

Antijüdische Gewalt

Mit der ‚Sudetenkrise‘ einher ging in Gebieten mit hohem volksdeutschen Bevölkerungsanteil massive Gewalt gegen tschechische und jüdische Geschäfte sowie politische Gegner.

Gedye berichtet so von einer Fahrt ins ‚Sudetenland‘:

„Die Hauptstraßen von Karlsbad waren mit den Scherben zerbrochener Auslagescheiben übersät. Jedes Geschäft, das ein tschechisches oder jüdisches Firmenschild trug, hatte die Scheiben eingebüßt; die meisten Auslagen waren geplündert worden. […] Als ich die Verwüstung in einem Geschäft photographieren wollte, stellten sich zwei Henlein-Buben von ungefähr siebzehn Jahren zwischen meine Kamera und die Auslage, um mich am Photographieren zu hindern. Als ich zu ihnen sagte: ‚Eure Gesichter werden sich auf der Aufnahme sehr gut neben diesem Musterexemplar deutscher Kultur ausnehmen‘, verschwanden sie. […].

Heute schien nicht ein einziger der bescheidenen jüdischen Läden dieses Ortes unversehrt aus dem Sturm der vergangenen Nacht hervorgegangen zu sein“ (Gedye, George E. R.: Als die Bastionen fielen. Die Errichtung der Dollfuß-Diktatur und Hitlers Einmarsch in Wien und den Sudeten, Wien 1981, S. 390 f.).

Auch in weiteren Orten sah Gedye zerstörte Geschäfte. Sein Urteil über den Ablauf der Gewalt hielt er ebenfalls in seinem Buch fest:

„Die [gemeint sind die Anhänger Konrad Henleins] begannen ganz methodisch alle tschechischen, jüdischen oder deutschdemokratischen Geschäfte zu zerstören und jeden politischen Gegner, der ihnen unter die Hände kam, zu mißhandeln. In manchen Städten waren die Geschäfte ausgeraubt worden, in anderen hatte der Kommandant der Sturmtruppen nach dem Befehl, die Auslagen zu zertrümmern, zwei Sturmtruppmänner mit dem Auftrag postiert, Plünderungen zu verhindern“ (S. 395).

Pogromgewalt vor dem Novemberpogrom

Die geschilderte Gewalt und Zerstörung – sowohl in Österreich als auch in der Tschechoslowakei – nahm in ihren Mitteln und Ausprägungen damit bereits vieles von dem vorweg, was die Novemberpogrome flächendeckend für das gesamte Deutsche Reich bedeuten sollten. Insofern waren die Pogrome um den 9./10.November 1938 zwar schon eine Zäsur in der nationalsozialistischen Judenpolitik. Gleichzeitig standen sie jedoch auch in der Kontinuität kollektiver antisemitischer Gewalt der Vormonate.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.