Dresden – Berichte von Augenzeugen (1): Otto Griebel

Die wohl bekannteste und viel zitierte Schilderung eines Zuschauers der Dresdner Pogromereignisse des 10. November 1938 stammt von dem Maler Otto Griebel.

An der Synagoge

Den 10. November 1938 schilderte Griebel wie folgt:

„Ende Oktober [1938] erhielt ich durch den ‚Sächsischen Künstlerhilfsbund‘ abermals einen Erholungsaufenthalt für die Zeit vom 10. November bis zum 2. Dezember; wiederum in Grillenburg. Ich befand mich bereits beim Packen meines Koffers, als der Briefträger erschien und berichtete, in der Stadt seien jüdische Geschäfte von SA-Leuten zerstört und in der Nacht die Synagoge angebrannt worden.

Zuerst wollte ich dies gar nicht glauben, aber aus dem Fenster meines Ateliers konnte ich ja fast die gesamte Innenstadt überblicken, und richtig: in der Nähe des Terrassenufers stieg dünner, schwarzer Rauch hoch. Ich machte mich auf, um selbst zu sehen, was geschehen war. Mein Weg führte über die Bürgerwiese und Ringstraße zum Pirnaischen Platz, schließlich zur Synagoge, die ausgebrannt und noch rauchend dastand. Daneben gewahrte ich zwei der großen modernen Motorspritzen, deren Besatzungen inmitten einer großen Gaffermenge untätig herumsaßen. In der Menge entdeckte ich auch einen kleinen, alten Fürsorgeempfänger, ein bärtiges Männlein, dem Franz Hackel und ich den Namen ‚Der Diogenes von Dresden‘ gegeben hatten, weil er immerfort am Elbestrand in der Sonne lag und alles verfolgte, was in der Stadt so vor sich ging. Wir waren vom ‚Stempelpark‘ her gute Bekannte, und als mich der Alte nun erblickte, meinte er fast beschwörend und mit blitzenden Augen: ‚Dieses Feuer kehrt zurück. Es wird einen großen Bogen gehen und wieder zu uns kommen!‘ Dann entschwand er.

Inzwischen hatten einige uniformierte SA-Leute einige völlig verstört blickende und totenbleiche jüdische Lehrer aus dem nahen israelitischen Gemeindehaus hervorgeholt, ihnen verbeulte Zylinder auf die Köpfe gedrückt und sie vor der johlenden Menge aufgestellt, vor der die Unglücklichen sich auf Befehl hin tief verbeugen und die Hüte von den Köpfen ziehen mußten.

Einem gepflegt aussehenden, grauhaarigen Passanten, der den Eindruck eines Schauspielers machte, war das Geschehene zuviel und voller Empörung rief er laut aus: ‚ Unglaublich, das ist ja schlimmstes Mittelalter!‘ Aber kaum hatte er dies geäußert, griffen in auch schon anwesende Gestapobeamte und nahmen ihn mit“ (Griebel, Otto: Ich war ein Mann der Strasse. Lebenserinnerungen eines Dresdner Malers, Halle/Leipzig 1986, S. 400-402).

Über die Prager Straße

Anschließend spazierte Griebel weiter durch die Stadt:

„Über den Neumarkt begab ich mich zur Schloßstraße und lief von dort die Seestraße und Prager Straße entlang, in denen mehrere jüdische Geschäfte waren, deren Schaufenster allesamt in der vergangenen Nacht von SA eingeschlagen und ausgeplündert worden waren. Jetzt sah man an manchen Läden Glaser die Bruchstücke aus den Rahmen entfernen. Immerfort trat man auf Glassplitter. Ich beobachtete, wie zwei gutgekleidete Passanten beim Photographieren von Kriminalbeamten angehalten wurden und ihre Filme weggenommen bekamen.

Plötzlich klang von fern her der sich rasch nähernde Ruf: ‚Wir danken unserm Führer! Juda verrecke! Deutschland erwache!‘ Und dann er schien, starr geradeaus glotzend und mit vorgestrecktem Arm, ein stadtbekanntes Original, das ‚Seifen-Franke‘ genannt wurde, weil er mit Seife hausierte. Wie es hieß, soll Franke im ersten Weltkrieg einen Kopfschuß und deshalb später den Paragraphen 51 erhalten haben. Manche hielten ihn für harmlos idiotisch, andere für gar nicht dumm und eher verschlagen. Ich hörte nur, wie von zwei älteren Herren der eine grinsend zum anderen sagte: ‚Dem hat sicher einer zwei Mark zugesteckt und aufgetragen, das zu brüllen.‘ Tatsächlich blieb ‚Seifen-Franke‘ von den vielen Polizeibeamten unbehelligt.

Was da geschah, war furchtbar. Ratlos fuhr ich am Nachmittag nach Grillenburg“ (S. 402 f.).

Interessant ist hierbei auch Griebels Beobachtung, dass einer Person, die beim Fotografieren entdeckt wurde, die Filme abgenommen worden seien. Sie zeigt zweierlei: Zum einen, dass die Pogromtäter grundsätzlich daran interessiert waren, Bildmaterial möglichst zu verhindern; zum anderen aber eben auch, dass es Menschen gab, die auch von den zerstörten Dresdner Geschäften fotografische Aufnahmen machten. Es ist anzunehmen, dass sich deshalb noch Aufnahmen, die nicht konfisziert wurden, in privaten Fotoalben befinden.

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